7 mal auf der Flucht

Bitte seht uns an!
Auch wenn wir kein Ansehen mehr haben.
Damit wir wieder sehen lernen, denn unser Blick ist erloschen.


Wir sind

 *    Tränenblind vor Schrecken

*    Versteinert vor Entsetzen

*    Vertrieben vom Heimatboden

*    Zerschlagen vom Hass

 

Wir sind

 *    Verloren im Unbegreiflichen

*    Untergegangen im Niemehrwieder

 

Doch wir sind

 *    Gerettet aus allen dunklen Furchtbarkeiten

Bitte seht uns an!
Dann können wir wieder Zukunft sehen!

Gesichter in dem uralten unbehauenem Stein in unserem Klostergarten; Gesichter in Zeitungen, Fernsehen, Internet; Gesichter aus der eigenen Fluchtgeschichte als Kind, drängten zu dieser Gestaltung. So lange es Menschen gibt, werden sie auf der Flucht sein, vor anderen Menschen, vor sich selber, vor Naturgewalten, auch vor Gott. Und doch gibt es nur diesen einen unverlierbaren Zufluchtsort für alle:

Wir werden geborgen sein im Schatten Seiner Flügel.

 Luitgardis Hecker OSB, Abtei Mariendonk Osterzeit 2016

 

 Osterhymnus der äthiopischen Kirche

 

Nachdem unser Herr Jesus Christus gelitten hatte, stieg er hinab in die Hölle

zu den Seelen der Verstorbenen, um das Leben von dort als sein Eigentum zu erretten.

Da sah ihn der Tod leiblich hinabsteigen.

Als er die göttliche Erscheinung wahrnahm,

schrie er mit lauter Stimme:

Wer ist dieser, der mit Schmerzen geboren worden ist,

während er leidensfrei ist?

Wer ist dieser, der irdisch aussieht,

während er himmlischen Ursprungs ist?

Wer ist dieser, dessen Licht überschwenglich scheint

und der die Finsternis überwindet?

Wer ist dieser, der sich meine Macht anmaßt

und mir meine Weide entreißt?

Wer ist diese Majestät, die verbietet,

dass der Mensch leidet?

Wer ist dieser, dem keiner ähnlich ist?

Er zieht alle Seelen gen Himmel,

die mir gehören,

Ich habe nichts, womit ich ihm und den Seelen

Schaden könnte.

Wer ist dieser, der ohne Sünde starb?

 

Dieser ist Jesus Christus, der für uns gestorben ist!

Er ist von den Toten auferstanden

Und hat die Macht der Hölle überwunden!

 

Zitiert nach Kefelew Zelleke, Die Freude Äthiopiens, S. 69 Aus: Karl Merten, Das äthiopisch-othodoxe Christentum

Gründonnerstag

Der Gründonnerstag ist das Eingangstor in den heiligen „Dreitag“ vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus. Er ist besonders bestimmt vom Gedächtnis an das letzte Abendmahl  und an die Einsetzung der Eucharistie.

Aber es schwingt bei diesem Gedächtnis hintergründig all das mit, was am Gründonnerstag auch geschah – all das, was die Evangelien rund um das letzte Mahl berichten:

Die Ansage des Überliefert-Werdens durch einen der Freunde,

die Fußwaschung und der Rangstreit der Jünger,

der Gang zum Ölberg u. die Todesangst Jesu in Gethsemane,

Jüngerschlaf, Verrat, Flucht und Verleugnung derer, denen der Herr eben noch am Sakrament seines Leibes und Blutes Anteil gab…

Gerade das Markusevangelium setzt die Kontraste hart nebeneinander: Der Judaskuss wird drastisch, mit einer fast anzüglich wirkenden Formulierung, ausgemalt: „Er küsste Jesus ab“ heißt es buchstäblich – und dann: „griffen sie ihn an  und nahmen ihn fest“. Emotionaler Überschwang und gewaltsamer Übergriff treffen kommentarlos und unabgefedert aufeinander.

Keiner der Evangelisten schildert die Ölberg-Angst Jesu derart schonungslos wie Markus: „Er wurde von Panik geschüttelt und es packte ihn Entsetzen..., heißt es. Und kurz darauf: „Er warf sich auf die Erde und betete…“ – und die Jünger schliefen!

Niemand hat dies damals mit erlebt. Und doch haben es seither Tausende miterlebt, Generationen von Christen, die es lasen und hörten – bis hin zu uns. Für sie alle und für uns ist es aufgeschrieben – in so unmissverständlicher Anschaulichkeit.

Der Eindruck der Verlassenheit Jesu, den die unrühmliche Flucht der Jünger erzeugt, wird bei Markus noch gedoppelt durch die kleine Episode mit dem Jüngling, der sich – nackt und bloßgestellt – am Ende auch noch aus dem Staub macht.

Jesus dagegen bekundet, wie durch Gebet und Wachen sogar die übermenschliche Angst  und die Versuchung, vom Weg des Heils zu fliehen, bestanden werden können.

Und was für den Verleugner Petrus gilt, gilt für jeden schwach gewordenen Christen: Reue und Umkehr kommen niemals zu spät! In der vierten Nachtwache – d.h. nach dem zweiten Hahnenschrei erwartet uns die Stunde der Erlösung – erwartet uns der Auferstehungsmorgen.

Die Väter des Mönchtums haben diese Gewissheit in monastische Alltagserfahrung übersetzt und in ein kleines Apophtegma gefasst:

Ein Mönch fragte den Altvater: Was ist geistliches Leben? Der Greis antwortete: Geistliches Leben heißt: Ich falle und stehe wieder auf… Ich falle und stehe wieder auf… Ich falle und stehe wieder auf…“

Äbtissin  Bernadette Pruss, Abtei St. Gertrud, Alexanderdorf

Die Lästigen geduldig ertragen

 Manchmal liest man etwas, und unter vielen Worten fällt ein Wort auf, trifft zu und meint das eigene Leben. So ging es mir mit der Verkündigungsbulle zum „Außerordentlichen Jahr der Barmherzigkeit“, das wir dieses Jahr feiern. Der Papst nennt dort neben den leiblichen Werken der Barmherzigkeit auch die geistigen Werke der Barmherzigkeit, und über den Satz „Die Lästigen geduldig ertragen“ stolperte ich, wurde nachdenklich: Wäre das nicht ein Motto für das nächste Jahr, etwas, was man mitnehmen und woran man sich reiben könnte?

Aber wer sind „die Lästigen“? Offenbar geht es nicht um Feinde, um Menschen, die schuldhaft anderen schaden, sondern um etwas viel Alltäglicheres, um Menschen, die unangenehme oder peinliche Verhaltensweisen zeigen, die entweder langweilig oder zudringlich sind, auf jeden Fall aber so, dass man leise seufzt, wenn sie einem über den Weg laufen. Lästig ist der Bekannte, der mir auf der Straße ungefragt seine politischen Ansichten mitteilen will und meint, er wüsste als einziger, wie die Welt zu retten ist; lästig sind Menschen, die zum hundertsten Mal von ihren Problemen erzählen wollen, ohne dass ich den Eindruck habe, dass sie selbst irgend etwas ändern wollen; lästig sind Leute, die lange Emails mit Anfragen schreiben, wobei sich das, was sie wissen wollen, leicht im Internet finden ließe... die Beispiele könnte man leicht vermehren. Lästige Menschen sind lästig, weil es viel Zeit kostet, sich mit ihnen zu beschäftigen, und einen oft das Gefühl beschleicht, diese Zeit sei vertan, man könnte weit Besseres tun.

Damit sind wir beim Thema Barmherzigkeit. Barmherzigkeit hat immer mit Zeit zu tun, besteht darin, Zeit zu schenken und zugleich dem anderen Zeit zu lassen, Zeit zum Wachsen, Zeit zur Umkehr, Zeit zur Reue. Und was vielleicht genau so wichtig oder noch wichtiger ist, mir selbst die Zeit zu nehmen, genauer hinzusehen und zu erkennen, warum dieser Mensch, den ich spontan als lästig empfinde, geliebt und liebenswert ist. Das kann ich nur, weil Gott mir diese barmherzige Liebe vorlebt, er, der sein Volk Israel, auch als es sündigt, nicht verlässt: „Vierzig Jahre lang ertrug er sie in der Wüste“ (Apg 13,18), und weil ich das Vorbild Jesu habe, von dem uns berichtet wird, dass er an seinen Jüngern manchmal fast verzweifelte: „O du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen?“ (Lk 9,41). Nicht nur die anderen sind lästig, sondern auch ich bin lästig: für die anderen, aber vor allem für Gott! Ich bin ihm lästig durch meine Unbelehrbarkeit, durch meine halbherzige Umkehr, durch meine zerstreuten Gebete, durch meine oft so kleine Liebe. Ich bin ihm lästig, weil ich mich Christin nenne und mich dennoch wie all die anderen verhalte, die noch wenig von Christus gehört haben, weil ich sage, dass ich glaube, aber mein Verhalten von dem prägen lasse, was alle tun, und nicht vom Wort Gottes.

Wie geht Gott mit uns um? Er tut genau das, was dieses Werk der Barmherzigkeit uns empfiehlt, er erträgt uns. Ertragen hat mit tragen zu tun, damit bei dem anderen zu bleiben, auch wenn er lästig und keine reine Freude ist, es hat mit standhalten zu tun und ist somit schon sehr nahe an Geduld. Gott erträgt uns und er hat mit uns Geduld, ja, der Römerbrief nennt ihn geradezu den „Gott der Geduld“ (Röm 15,5). Er lässt uns Zeit, auf ihn hin zu wachsen, Umwege zu gehen, Fehler zu machen und aus diesen Fehlern zu lernen. Und genau so sollen auch wir einander ertragen (vgl. Röm 15,1; Gal 6,2) und einander immer neu eine Chance zu geben, denn „die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13,7).

 Äbtissin Christiana Reemts,  Abtei Mariendonk

Im Anfang war das Wort,

und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt. ...
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.  Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist vor mir gewesen.

Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.

Ist das ein „passender“ Anfang des Jahres? In unserer Zeit? Oder überhaupt zu irgendeiner Zeit? Zeigt sich das Leben als Geschenk aus der Fülle Gottes? Als Gnade über Gnade? Fragt man sich nicht so manches Mal, wenn man die Katastrophen unserer Tage wahrnimmt, wenn man immer wieder davon hört, zu welch erschreckender Grausamkeit Menschen gegenüber anderen Menschen fähig sind, wenn vielleicht das eigenen Leben durch Krankheit, Arbeitslosigkeit, eine zerbrochenen Beziehung zerstört scheint, eher: wo ist Gott? Gilt eine solche Aussage: Aus seiner Fülle haben wir empfangen, Gnade über Gnade, nur für die Reichen, die Satten, die Glücklichen- eben die „Anderen“. Erfahren wir nicht häufiger Frustration und Scherben statt Fülle?

Dagegen hält der feierliche Anfang des Johannesevangeliums, mit dem wir jedes Jahr beginnen und das wir auch am 2. Weihnachtssonntag lesen.  So schwer verständlich er auf den ersten Blick in seiner dichten dichterischen Sprache erscheint, gerade dieser sogenannte Prolog des Johannesevangeliums will eine allgemeingültige Aussage über den Menschen, über alle Menschen, also auch über jeden einzelnen von uns treffen. Jeder von uns ist Empfänger der Fülle Gottes, nicht zuerst Sucher, Fragender, sondern zuerst, seinem Wesen nach Empfänger des Lichtes, des Lebens, der Fülle, die Gott selbst ist. Jeder Mensch! Und zwar beschenkt Gott uns mit seiner Fülle, wie wir ja an Weihnachten feiern, dadurch, dass er uns anspricht, dass er uns sein Wort schenkt. Schon auf der Ebene der menschlichen Beziehung wissen wir um die Gnade, die darin liegen kann, wenn zur rechten Zeit das rechte Wort geschenkt wird. Bei Gott ist es tiefgreifender, wenn Gott zum Menschen, zur Welt, zu seiner Schöpfung spricht, dann spricht er sich selbst aus, teilt er von seinem inneren Wesen mit. Und er spricht viel  tiefer und grundsätzlicher, als menschliches Wort es vermag.

Alles ist durch das Wort, das Gott selbst ist, geworden. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Licht, das empfindet man als Orientierungshilfe da, wo es dunkel ist. Der Mensch hat Augen, mit denen er Licht sehen kann, wenn es da ist, oder besser, mit denen er sehen kann, wenn Licht da ist. Aber der Mensch kann nicht in sich selbst das Licht erzeugen, das er zum Sehen braucht. Der Evangelist Johannes sagt uns, dass das Leben, das Gott schenkt, Licht für unsere Augen - für die des Leibes wie die des Geistes - ist. Wo wir zulassen, dass Gott uns anspricht, da  wird deutlich, wo es dunkel in unserm Leben ist, da wird dieses Dunkle aber auch in Sein Licht getaucht. Und es stellt sich die Frage: Wollen wir das Leben, das Gott schenkt? Ist uns das Licht, das er in unser Leben bringt, nicht zu hell? Tut es unsern Augen nicht auch weh? Es besteht immer die Möglichkeit, sich diesem Geschenk Gottes zu verschließen, um in den überschaubaren Grenzen des eigenen Lebens zu verbleiben.

Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Dort aber, wo sich der Mensch mit allen Sinnen und allen Kräften dem Wort öffnet, mit dem Gott ihn ansprechen will, da übersteigt der Mensch seine Grenzen. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Macht, Kinder Gottes zu sein, das bedeutet, aus Gott selbst zu leben und nicht mehr aus natürlicher Kraft.

Ich möchte Ihnen und uns allen wünschen, dass die Freude über dieses Geschenk Gottes Kraft schenkt, die Begrenzungen unseres alltäglichen menschlichen Lebens zu überwinden, damit wir  Zeugnis von seinem Licht und Leben geben können.


Sr. Placida Bielefeld, Abtei Mariendonk