Das Volk, das in Finsternis wandelt,  sieht ein helles Licht;

über denen, die im Land des Todesschattens wohnen, strahlt ein Licht auf.

Du machst groß ihren Jubel  und gewaltig ihre Freude.

Sie freuen sich vor dir,  wie man sich freut bei der Ernte, wie man frohlockt, wenn Beute verteilt wird.

Denn das drückende Joch und das Tragholz auf ihrer Schulter, den Stock des Treibers zerbrichst du wie am Tag von Midian. Denn jeder Soldatenstiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist,  wird verbrannt und ein Fraß des Feuers.

Denn uns ist ein Kind geboren,  ein Sohn ist uns geschenkt.

Die Herrschaft ruht auf seinen Schultern, sein Name ist wunderbarer Ratgeber, starker Gott, ewiger Vater, Friedensfürst.  Groß ist seine Herrschaft  und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron  Davids sitzt er als Herrscher, um sein Reich zu begründen und zu festigen durch Recht und Gerechtigkeit jetzt und für alle Zeiten.

Das vollbringt in seinem Eifer der Herr der Himmelsscharen.

Jes 9,1-6

Der Prophet Jesaja verkündet uns heute in der Weihnachtsnacht die Geburt eines Kindes, das König sein wird und das denen, die in der Finsternis sind, Licht bringen wird. Wir Christen glauben, dass dieses Kind vor 2000 Jahren in Bethlehem geboren wurde und dass seither die Welt verändert ist. Aber stimmt das, ist die Welt verändert oder geht nicht alles seinen gleichen unveränderten Gang?

Schauen wir, was der Prophet Jesaja uns im Einzelnen verkündet. Zunächst einmal sagt er uns, dass wir Menschen in der Finsternis sitzen, nicht in der Finsternis der natürlichen Nacht, sondern in der Finsternis des Nichtwissens, der Sorge, der Angst und letztlich in der Finsternis des Todesschattens, d.h. im Wissen, dass wir sterben werden und dass all unsere Lieben sterben werden;  dieses Wissen wirft einen Schatten auf alles, was wir tun, auch auf jedes Glück.

Und doch spricht Jesaja von Freude und es ist, wie mir scheint, eine Freude, nach der sich gerade in diesem Jahr viele Menschen sehnen. Es ist die Freude der Ernte, die Freude darüber, dass Dinge geschafft sind und man sich nach schwerer Arbeit ausruhen darf und es ist die Freude des Beuteteilens. Gut, wir würden heute eher nicht von Beuteteilen sprechen, aber was ist gemeint? Beute teilt man, wenn ein Krieg vorbei ist und wenn man diesen Krieg gewonnen hat, wenn alle Feinde besiegt sind. Tatsächlich ist im Folgenden davon die Rede, dass Gewalt und Terror zu Ende sind, dass jeder Soldatenstiefel, der dröhnend daherstampft und jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist,  verbrannt wird.

Denken wir an die vielen Menschen überall auf der Welt, die in dieser Weihnachtsnacht von Krieg, Gewalt, Hass, Terror und Angst bedroht sind, denken wir an die vielen Menschen auf der Flucht oder auch an diejenigen, die zwar bei uns in Sicherheit sind, aber um Angehörige bangen. Wir leben nicht in einer Welt, in der es keine blutbefleckten Mäntel mehr gibt, das dürfen wir uns nicht vormachen. Aber wir dürfen gegen all das unserer Glauben setzen, dass Gott nicht ein Gott des Gewalt und des Hasses ist, kein Gott, der mit Gewalt seinen Willen erzwingt, sondern ein Gott der Liebe, der seinen Sohn in diese Welt geschickt hat, nicht um sie mit Gewalt zu erobern, sondern um sie durch Liebe zu erlösen. Jesus Christus kommt in der ganzen Wehrlosigkeit eines Kindes in unsere Welt und ist gerade so ihr König. Allerdings trägt er das Zeichen seiner Herrscherwürde nicht als Szepter in der Hand oder auf dem Kopf wie die Könige dieser Erde, die Kronen tragen, sondern Jesaja prophezeit geheimnisvoll, dass es auf seiner Schulter liegt. Die Kirche deutet dieses Bild auf das Kreuz, an dem Jesus sterben wird und durch das er uns erlöst hat. Seine Herrschermacht besteht statt in Gewalt und Unterdrückung in einer Liebe bis in der Tod.

Noch einmal: unsere Welt ist finster trotz großer Fortschritte auf allen Wissengebieten, trotz vieler Bemühungen um ein gutes Leben für alle, trotz Liebe, Zärtlichkeit und Freundschaft. Sie ist finster und wir erleben es im Moment sehr deutlich, weil sie in jedem Augenblick im Tod versinken kann und niemand von uns weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Nur die Befreiung von der Todesangst könnte unser Leben wirklich für immer hell machen. Die Weihnachtsbotschaft wie sie uns Jesaja verkündet, ist letztlich bereits die Osterbotschaft: Ein Sohn - der Sohn des lebendigen Gott - ist uns geschenkt in dem Kind von Bethlehem und dieser Sohn antwortet auf die Gewalt der Welt nicht mit Gewalt, sondern mit seiner Liebe, die sogar den Tod überwindet. So dürfen wir mit Zuversicht in die Feier des Weihnachtsfestes und in das neue Jahr gehen: Jeder Soldatenstiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist,  wird verbrannt und ein Fraß des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren,  ein Sohn ist uns geschenkt.

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk

Den Frieden suchen

Über dem Portal vieler Klöster steht das Wort Pax - Friede. Ein Kloster sollte ein Ort des Friedens sein und seine Mönche oder Nonnen Menschen, die im Frieden leben und andere zum Frieden führen. In der Benediktusregel steht bereits im Prolog das Wort aus Ps 34,15: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Diese Aufforderung ist nur allzu berechtigt, denn Friede ist in unserer Welt ein kostbares und seltenes Gut.

Friede heißt im Hebräischen Schalom und meint das umfassende Heil, d.h. einen Zustand, in dem ich mit Gott, mit meinen Mitmenschen und mit mir selbst in Übereinstimmung lebe. Das ist, wie wir alle wissen, schwierig, denn wirkliche Übereinstimmung ist mehr als nur ein Zustand, wo ich mich still verhalte, um meine Ruhe zu haben, mehr auch als nur Abwesenheit von Kampfhandlungen. In der Hölle ist es vermutlich ruhig und beschaulich, aber es gibt dort keinen Frieden. Im Gegenteil sagt ein altes Sprichwort: „Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg“ oder wie ich lieber sagen würde: „Wenn du Frieden willst, mach dich auf Kämpfe und Auseinandersetzungen gefasst.“
Die Bibel beginnt mit der Aussage: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;  die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Gen 1,1f). Sie werden nun fragen, was das mit dem Thema Frieden zu tun hat. Sehr viel, wenn wir uns klarmachen, dass jeder Text der Bibel aktuell ist, d.h. uns nicht erzählt, was irgendwann früher, in grauer Vorzeit, geschah, sondern was sich jetzt im hier und heute ereignet. Gottes Wirken besteht bleibend darin, in dem Chaos, dem Tohuwabohu Frieden und Heil, eben Schöpfung zu schaffen. Das Chaos kann dabei sehr unterschiedlich aussehen:
∙    eine schwere Krankheit
∙    ein Hauptbahnhof im Berufsverkehr mit vielen gehetzten Menschen
∙    Ärger, Unzufriedenheit, Traurigkeit in uns
Gottes Geist ist über jedem Chaos. Er ist der Gott, der da ist und mit ihm sein Friede. In diesem Sinn müssen wir dem Frieden gar nicht nachjagen, denn er rennt nicht vor uns weg. Allerdings besteht die ernste Gefahr, dass wir uns von Gott und seinem Frieden entfernen, vielleicht auch weil wir ihn nicht wahrnehmen.
Denn was heißt Friede mit Gott und was heißt es nicht? Es heißt nicht Ruhe und Leidfreiheit wie im Buddhismus. Wir Christen leben in einer nicht aufzulösenden Spannung, denn wir dienen einem Gott, der sich ständig entzieht. Nicht das Gefunden-haben Gottes, sondern die dauernde Gottsuche kennzeichnet unseren Glauben. Wir haben diesen Gott nicht und wir haben auch die Beziehung zu ihm nicht. Ein einziges Gebet ist, wenn wir versuchen, es wirklich zu vollziehen, eine unglaubliche Herausforderung, ganz zu schweigen von einem längeren Gottesdienst. Das bedeutet, dass unser Leben von Anstrengung, ja in gewisser Weise von einer permanenten Überforderung gezeichnet bleibt und gezeichnet bleiben muß.

Friede mit Gott ist nicht „mein“ Friede, sondern der Friede, den Gott denen schenkt, die ihm vertrauen und auf seinen Ruf antworten. Dieser Ruf lautet immer: „Zieh weg aus deinem Land, in ein Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Maßstab für gelingendes christliches Leben ist darum einzig und allein die Aufrichtigkeit unserer Antwort auf Gottes Ruf und die damit verbundene Verlagerung des Schwerpunktes unseres Lebens weg von uns auf ihn hin. Ein Christ ist ein Mensch, der gerade nicht in sich selbst ruht (auch innerer Frieden ist nicht unbedingt der Maßstab), sondern der das Glück und den Frieden außerhalb seiner selbst in Gott sucht und findet. Diesem Frieden und damit Gott selbst nachzujagen, lohnt sich!

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk

Die Tischlesung

 Der klösterliche Brauch der Tischlesung bleibt eine regelmäßige geistliche Stärkung: während wir Schwestern in Ruhe essen, machen für uns Mitschwestern Tischdienst und eine von uns liest: so wird auch die Seele gesättigt.

 Benedikt beschreibt im 38. Kapitel der Regula die Feinheiten:

Beim Tisch der Brüder darf die Lesung nicht fehlen. Es herrsche größte Stille. Kein Laut oder Flüstern sei zu hören, nur die Stimme des Lesers. Was die Brüder beim Essen und Trinken brauchen, sollen die Brüder einander so reichen, dass keiner um etwas bitten muss.

 Wir nennen mittags bei Tisch die Gedenktage der Heiligen und besondere Tage aus der Geschichte unserer Gemeinschaft, dazu hören wir dann Lebenslauf oder Chronikblätter.

Am 1. Advent beginnen wir mit dem Verlesen unserer eigenen Chronik, die immer von Advent zu Advent fortgeschrieben wird, danach folgen ausgewählte Chroniken benediktinischer Klöster und evangelischer Kommunitäten.

Über 6-8 Wochen hinweg ist es möglich ein ganzes Buch gemeinsam zu lesen und zu hören, so sammeln wir einen gemeinsamen Schatz von Büchern.:

 Unsere jüngste Schwester, Sr. Anja erzählt aus ihren Erfahrungen:

„Anfangs erschien die Gleichzeitigkeit von Einleben, Wahrnehmen, Essen und Zuhören als große Herausforderung im kleinen Klosteralltag. Der Strom der Worte schien nicht aufzuhören. Bei der Arbeit, im Stundengebet, bei Tisch. Bewusstes Essen, einmal ungeteilte Aufmerksamkeit ,damit Leib und Seele gut beieinander bleiben können. Hält die Tischlesung mich davon ab oder verhilft sie mir zu genau der Ruhe zu kommen, die in der Mitte des Tages ihren Platz einnehmen will?

Egal wie ich da bin, die Worte sind da und haften in mir. So unterschiedlich die Bücher, so unterschiedlich die Berührungspunkte. Die Chroniken und Berichte anderer Gemeinschaften erlauben beispielsweise ein Mitgehen, das über den Informationscharakter hinaus anhält. Die Biographie von Mechthild von Magdeburg ließ einiges von unserer verstorbenen Schwester Annemarie Mechthild Hacker aufscheinen. Die Berichte über die Sterbebegleitung haben mich auf vielerlei Weise bewegt und einmal mehr das Leben im Sterben aufgezeigt. Dagegen rufen Beschreibungen von Gewalt- und Leidenssituationen einen extremen Kontrast zum friedlichen Mittagessen hervor.

Ja, egal wie ich da bin, die Worte sind da und haften in mir. Wie kleine Haftnotizen tauchen sie manchmal wieder auf. So bleibt manches Wort, mancher Gedanke, manche Einsicht hängen und begleitet mich auf dem Weg durch den Klosteralltag.“  

Sr. Anja Waltemate CCR und Sr. Friederike Immanuela Popp CCR, Communität Casteller Ring

Jakobs Traum

© Sieger Köder Jakobs Traum


«In der Wirklichkeit Gottes Umarmung entdecken». Ignatius v. Loyola

 

„Wo ist Gott?“ Diese Frage drängt sich auf, wenn wir die Nachrichten von Terror, Gewalt, Krieg, vom Flüchtlingselend oder von Naturkatastrophen hören.
„Wo ist Gott?“ Diese Frage stellt sich auch uns persönlich, wenn wir mit Schicksalsschlägen konfrontiert werden. Wenn wir die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhalten, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn wir am Arbeitsplatz überfordert sind. Und und ..
Wo ist Gott?

Diese Frage quälte bestimmt auch Jakob. Im Abschnitt der Lesung, die wir soeben gehört haben, ist diese bedrängende Frage zwar nicht ausgesprochen. Aber sie liegt im Raum.
Jakob ist auf der Flucht. Er flieht vor seinem Bruder, den er betrogen hat. Seine familiäre Situation wurde für ihn unerträglich, ja es war für ihn buchstäblich zum Davonlaufen. Und so macht er sich auf und davon.

„Er zog aus Berscheba weg und ging nach Haran.“ So der nüchterne einleitende Satz der heutigen Lesung aus dem Buch Genesis.

Und in dieser ausweglosen Situation macht Jakob eine tiefe, unerwartete Gotteserfahrung. Er hatte einen Traum.
Jakob hatte diesen Traum von der Himmelsleiter nicht in einem Moment von Glück und Hochgefühl, sondern an einem Tiefpunkt seines Lebens. Aber diese Nacht wurde für ihn zum Einfallstor für eine prägende Gottesbegegnung.

Wir sehen auf diesem Bild, es ist dunkel. Denn die Sonne ist untergegangen. Jakob ist müde, lebensmüde. Er ist einsam und allein in dieser öden Landschaft. Kein grün von Lebenskraft, keine blühenden Blumen sind zu sehen. Nur karger brauner Steinboden.

„Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein. Da hatte er einen Traum: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.“ (12).

Auf dem Bild von Sieger Köder sind keine Engel sichtbar. Dafür malt der Künstler grosse Hände, die von unten nach oben und von oben nach unten reichen. Schauen wir uns diese Hände an!

Diese Hände sind offen und bilden einen schützenden Raum links und rechts der Treppe. Durch diesen Raum fliesst Licht. Hier bündelt sich die Kraft. Dies ist angedeutet in den Flammen oder Knospen, die zwischen den Stufen emporsteigen. Ein Bild für den Heiligen Geist?

«Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf der Erde. Du wirst dich unaufhaltsam ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.» (Gen 28,13-15).

Unser Ordensvater, der heilige Benedikt, gibt uns dieses Bild von Jakobs Traum als Werkzeug mit auf den Weg der Gottsuche. Im Kapitel sieben seiner Regel beschreibt Benedikt in Anlehnung an die Himmelsleiter die zwölf Stufen der Demut. Ziel dieses Weges ist es Gott zu finden, ihm näher zu kommen.

Demut – humilitas bezeichnet, das was dem Boden (humus) nahe ist. Oder auch was solid geerdet ist. Wir kennen auch die Redewendung «Auf den Boden kommen». Wir verwenden diese Worte, wenn jemand von einem «Höhenflug» wieder zur Realität des Alltags zurückgeholt wird.

Das Bild von Sieger Köder zeigt anschaulich, wie Jakob dem Boden nahe ist. Rund um ihn herum ist es dunkel. Jakob ist müde und nimmt einen der Steine und legt diesen unter seinen Kopf. Er liegt auf der Erde. Er ist solid geerdet. Seine linke Hand stützt den Kopf, so dass sein Blick – auch wenn die Augen geschlossen sind – nach oben gerichtet ist. Geerdet und mit einem wachen inneren Blick des Herzens hatte er diesen Traum von der Himmelsleiter.  

Bleiben wir noch bei der Demut. «Demut» bedeutet nicht Schwäche. Demütig ist nicht, wer sich klein macht. Demütig ist der Mensch der Seligpreisungen. Die Bergpredigt, dieser beglückende Ruf Gottes: «Selig seid ihr!» soll uns durch Leib und Seele fahren, also den ganzen Menschen treffen.
Die Seligpreisungen sind Zusagen Gottes an uns Menschen. Selig ist, wer Gottes Nähe, Gottes Umarmung erfährt.

Schauen wir uns das Bild von Jakobs Traum nochmals an. Wir sehen die Dunkelheit. Das tiefe Blau der Treppe und die bergenden Hände, die Flammen und Knospen. Jakob, wie er in dieser Einsamkeit auf dem kargen Boden liegt. Wie er mit geschlossenen Augen der Stimme von oben lauscht.
In diese Situation hinein wollen wir die Worte der Bergpredigt aus dem Matthäus Evangelium hören:

Selig, die arm sind vor Gott,
denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig, die Trauernden,
denn sie werden getröstet werden.

Selig, die keine Gewalt anwenden,
denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit,
denn sie werden satt werden.

Selig, die Barmherzigen,
denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die ein reines Herz haben,
denn sie werden Gott schauen.

Selig die Frieden stiften,
denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden,
denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt werdet, und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird gross sein.


In allem, was das Leben uns zumutet, können wir Gottes be-glückenden Ruf hören, seine Umarmung entdecken. Aber oft erkennen wir Gottes Gegenwart erst rückblickend. So auch Jakob: «Und Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht.» (16).

«Furcht überkam ihn und er sagte: Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels!» (17)

Der Ausdruck «Furcht» klingt in unseren Ohren heute negativ. Diesen Klang hatte er in der frühen Kirche und im alten Mönchtum jedoch nicht. Furcht meint vielmehr, dass ein Mensch betroffen die Nähe und Herrlichkeit Gottes erfährt. Wenn Gottes Gegenwart einen Menschen tief berührt. Und diese Erfahrung bedrückt nicht, sondern befreit von Angst und schenkt das Gefühl von Angenommen-sein und Glückseligkeit.
Lassen wir uns von Gottes Gegenwart überraschen und versuchen wir «In der Wirklichkeit seine Umarmung zu entdecken».

Priorin Irene Gassmann, Kloster Fahr

Grenzen setzen


1 Kor 6,12
Alles ist mir erlaubt - aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich

Unsere Welt ist in vieler Hinsicht grenzenlos geworden: Wir sind ungeheuer mobil und machen Reisen, von denen Menschen anderer Zeiten nur träumen konnten. Unsere Kommunikation ist aufgrund der modernen Medien nicht mehr durch Raum und Zeit begrenzt, eine Email ist in Tokio genauso schnell wie im Nachbarhaus. Unser Wissen ist nicht mehr durch unsere Schulbildung oder durch die uns zugänglichen Bücher und Zeitschriften begrenzt, da uns im Internet eine fast unendliche Menge an Informationen zur Verfügung steht.
Aber diese Grenzenlosigkeit hat als Kehrseite, dass wir mit Informationen, Angeboten, Appellen überflutet werden: Wir sollen uns auf allen möglichen Gebieten fortbilden, uns für den Regierungswechsel in Tadschikistan und den Skandal in Irland interessieren, eine Meinung zu jeder kirchlichen und politischen Frage haben, Kurzurlaub in Paris machen, Kontakte pflegen, uns mehr bewegen, regelmäßig den Blutdruck messen, auf unseren Cholesterinspiegel achten - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ach ja, meditieren und innerlich ruhiger werden sollen wir möglichst auch noch. Nichts davon ist schlecht, aber die Fülle der Ansprüche führt zu Atemlosigkeit, denn immer gibt es noch mehr, noch anderes, noch Besseres.
Wahrscheinlich müssen wir, um in unserer Welt bestehen zu können, ziemlich radikal lernen, Grenzen zu setzen, nicht um unsere Freiheit zu beschneiden, sondern um uns Freiheit überhaupt erst zu ermöglichen und uns nicht in der Vielzahl der Ansprüche zu verlieren.
1.) Grenzen gegenüber Gedanken, Inhalten und Bildern. Dieses Grenzen-Setzen geschieht, wenn wir uns nicht von dem, was auf uns zukommt, bestimmen lassen, sondern bewusst Verantwortung für das übernehmen, was wir in unseren Geist aufnehmen. Bei der Fülle der visuellen und akustischen Reize, die ständig auf uns eindringen, müssen wir eine Kultur des Aussortierens entwickeln, die uns hilft, Herr über unsere innere Welt zu bleiben.
2.) Räumliche Grenzen. Wir Nonnen haben das in Form unserer Klausur, die für uns einen Bereich bildet, den andere normalerweise nicht betreten und der ganz von den Werten, die wir leben wollen, geprägt ist. Doch ich glaube, jeder Mensch braucht eine solche Klausur, einen Ort, wo er zuhause ist und zu dem andere nicht beliebig Zutritt haben. Jeder muss sich die Frage stellen: Wo bin ich zuhause? Was ist der Raum, in dem ich mein Leben verbringe und für den ich Verantwortung übernehme ? Was lasse ich in diesen meinen Lebensraum hinein, was soll draußen bleiben?
3.) Zeitliche Grenzen. Zeit ist Leben und Leben bedeutet Zeit haben, so dass ich, wenn ich Zeit einsetze, im Grunde mich selbst und mein Leben hergebe. Umso wichtiger ist die Frage: Wieviel Zeit investiere ich für was?,  denn sie bedeutet im Grunde die Frage: Was liebe ich? Wofür gebe ich mein Leben?  Zu dieser Grenzsetzung gehört es, Zeit nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ wahrzunehmen, d.h. Fast- und Feiertage, Arbeits- und Ruhetage, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Jugend und Alter zu unterscheiden. Das ist, wie wir alle wissen, überhaupt nicht mehr selbstverständlich.
4.) Grenzen zwischen mir und dir. Der andere Mensch hat ein Recht auf meine Zuwendung, ja, wenn ich Christ bin, auf meine Liebe, aber er hat kein Recht darauf, mich „aufzufressen“. Ein Großteil unserer Energie wird im Austausch mit anderen Menschen verbraucht. Dabei gibt es Beziehungen, die uns neue Kraft geben, aber es gibt auch Beziehungen, die uns erschöpfen und auslaugen und in denen wir - um unserer selbst willen, aber auch um der anderen willen - Grenzen dessen, was wir geben können, aufzeigen müssen.
Grenzen zu setzen ist meiner Ansicht nach nur möglich, wenn man die eine große Grenze unseres Lebens, den Tod, bejaht. Das ist heute zunehmend schwierig für uns, und unsere Kultur ermöglicht uns diese Flucht. Doch im Evangelium wird der Mensch,  bei dem das Wort auf Fels fällt, (d.h. der Mensch der unfähig für die Aufnahme des Wortes Gottes ist), „Mensch für die Zeit“ oder „Mensch des Augenblicks“ genannt, und er wird beschrieben als einer, der keine Wurzeln hat (vgl. Mt 13,21). Genau das - Wurzellosigkeit und Leben im Augenblick, anders ausgedrückt: Raum–und Zeitlosigkeit -  wird unter dem Namen „Flexibilität“ heute geradezu als Wert proklamiert und führt bei vielen Menschen zu einem ständigen Wunsch nach Veränderung. Doch dabei ist keine Veränderung jemals wirklich radikal, man wechselt zwar Orte, Menschen und Aufgaben, setzt aber selten klare Schlusspunkte, denn aufgrund der Fülle gleichwertiger Anschlussmöglichkeiten wird Unfertigkeit zum Dauerzustand. Deutlich wird das, wenn Menschen ewig Student bleiben oder keine Beziehung jemals wirklich beenden, aber auch keine ganz verbindlich eingehen.
Jede echte Wahl ist Setzen einer Grenze, denn ich gebe vieles auf, was vielleicht auch erfüllend gewesen wäre. So bereite ich mich auf den Tod am Ende meines Lebens vor, denn auch dann werde ich all die vielen Möglichkeiten, Hoffnungen und Freuden, die das Leben bietet, loslassen müssen. Als Christ glaube ich, dass dieses Loslassen nicht das Aufhören aller Wege ist, sondern die Chance, endlich den Weg gehen zu dürfen, der mir die Perspektive eröffnet, „die eine kostbare Perle“ (vgl. Mt 13,46), Christus selbst, zu gewinnen.

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk