Grenzen setzen


1 Kor 6,12
Alles ist mir erlaubt - aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich

Unsere Welt ist in vieler Hinsicht grenzenlos geworden: Wir sind ungeheuer mobil und machen Reisen, von denen Menschen anderer Zeiten nur träumen konnten. Unsere Kommunikation ist aufgrund der modernen Medien nicht mehr durch Raum und Zeit begrenzt, eine Email ist in Tokio genauso schnell wie im Nachbarhaus. Unser Wissen ist nicht mehr durch unsere Schulbildung oder durch die uns zugänglichen Bücher und Zeitschriften begrenzt, da uns im Internet eine fast unendliche Menge an Informationen zur Verfügung steht.
Aber diese Grenzenlosigkeit hat als Kehrseite, dass wir mit Informationen, Angeboten, Appellen überflutet werden: Wir sollen uns auf allen möglichen Gebieten fortbilden, uns für den Regierungswechsel in Tadschikistan und den Skandal in Irland interessieren, eine Meinung zu jeder kirchlichen und politischen Frage haben, Kurzurlaub in Paris machen, Kontakte pflegen, uns mehr bewegen, regelmäßig den Blutdruck messen, auf unseren Cholesterinspiegel achten - die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ach ja, meditieren und innerlich ruhiger werden sollen wir möglichst auch noch. Nichts davon ist schlecht, aber die Fülle der Ansprüche führt zu Atemlosigkeit, denn immer gibt es noch mehr, noch anderes, noch Besseres.
Wahrscheinlich müssen wir, um in unserer Welt bestehen zu können, ziemlich radikal lernen, Grenzen zu setzen, nicht um unsere Freiheit zu beschneiden, sondern um uns Freiheit überhaupt erst zu ermöglichen und uns nicht in der Vielzahl der Ansprüche zu verlieren.
1.) Grenzen gegenüber Gedanken, Inhalten und Bildern. Dieses Grenzen-Setzen geschieht, wenn wir uns nicht von dem, was auf uns zukommt, bestimmen lassen, sondern bewusst Verantwortung für das übernehmen, was wir in unseren Geist aufnehmen. Bei der Fülle der visuellen und akustischen Reize, die ständig auf uns eindringen, müssen wir eine Kultur des Aussortierens entwickeln, die uns hilft, Herr über unsere innere Welt zu bleiben.
2.) Räumliche Grenzen. Wir Nonnen haben das in Form unserer Klausur, die für uns einen Bereich bildet, den andere normalerweise nicht betreten und der ganz von den Werten, die wir leben wollen, geprägt ist. Doch ich glaube, jeder Mensch braucht eine solche Klausur, einen Ort, wo er zuhause ist und zu dem andere nicht beliebig Zutritt haben. Jeder muss sich die Frage stellen: Wo bin ich zuhause? Was ist der Raum, in dem ich mein Leben verbringe und für den ich Verantwortung übernehme ? Was lasse ich in diesen meinen Lebensraum hinein, was soll draußen bleiben?
3.) Zeitliche Grenzen. Zeit ist Leben und Leben bedeutet Zeit haben, so dass ich, wenn ich Zeit einsetze, im Grunde mich selbst und mein Leben hergebe. Umso wichtiger ist die Frage: Wieviel Zeit investiere ich für was?,  denn sie bedeutet im Grunde die Frage: Was liebe ich? Wofür gebe ich mein Leben?  Zu dieser Grenzsetzung gehört es, Zeit nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ wahrzunehmen, d.h. Fast- und Feiertage, Arbeits- und Ruhetage, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Jugend und Alter zu unterscheiden. Das ist, wie wir alle wissen, überhaupt nicht mehr selbstverständlich.
4.) Grenzen zwischen mir und dir. Der andere Mensch hat ein Recht auf meine Zuwendung, ja, wenn ich Christ bin, auf meine Liebe, aber er hat kein Recht darauf, mich „aufzufressen“. Ein Großteil unserer Energie wird im Austausch mit anderen Menschen verbraucht. Dabei gibt es Beziehungen, die uns neue Kraft geben, aber es gibt auch Beziehungen, die uns erschöpfen und auslaugen und in denen wir - um unserer selbst willen, aber auch um der anderen willen - Grenzen dessen, was wir geben können, aufzeigen müssen.
Grenzen zu setzen ist meiner Ansicht nach nur möglich, wenn man die eine große Grenze unseres Lebens, den Tod, bejaht. Das ist heute zunehmend schwierig für uns, und unsere Kultur ermöglicht uns diese Flucht. Doch im Evangelium wird der Mensch,  bei dem das Wort auf Fels fällt, (d.h. der Mensch der unfähig für die Aufnahme des Wortes Gottes ist), „Mensch für die Zeit“ oder „Mensch des Augenblicks“ genannt, und er wird beschrieben als einer, der keine Wurzeln hat (vgl. Mt 13,21). Genau das - Wurzellosigkeit und Leben im Augenblick, anders ausgedrückt: Raum–und Zeitlosigkeit -  wird unter dem Namen „Flexibilität“ heute geradezu als Wert proklamiert und führt bei vielen Menschen zu einem ständigen Wunsch nach Veränderung. Doch dabei ist keine Veränderung jemals wirklich radikal, man wechselt zwar Orte, Menschen und Aufgaben, setzt aber selten klare Schlusspunkte, denn aufgrund der Fülle gleichwertiger Anschlussmöglichkeiten wird Unfertigkeit zum Dauerzustand. Deutlich wird das, wenn Menschen ewig Student bleiben oder keine Beziehung jemals wirklich beenden, aber auch keine ganz verbindlich eingehen.
Jede echte Wahl ist Setzen einer Grenze, denn ich gebe vieles auf, was vielleicht auch erfüllend gewesen wäre. So bereite ich mich auf den Tod am Ende meines Lebens vor, denn auch dann werde ich all die vielen Möglichkeiten, Hoffnungen und Freuden, die das Leben bietet, loslassen müssen. Als Christ glaube ich, dass dieses Loslassen nicht das Aufhören aller Wege ist, sondern die Chance, endlich den Weg gehen zu dürfen, der mir die Perspektive eröffnet, „die eine kostbare Perle“ (vgl. Mt 13,46), Christus selbst, zu gewinnen.

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk

 

DIe Sorge für die Kranken

Krankenheilung

Stark und zart
im warmen
Erbarmen
Kranke umarmen,
Kleinen,
die weinen,
zu Hilfe eilen
ist Gottes Art,
Schöpfung
zu heilen.
Zur Ruhe betten
am eigenen Herzen
heisst
Schöpfung
retten,
ist
Leben verströmen
in Jesus Christ.

Silja Walter OSB (GA Band 8)

 

Die Sorge für die Kranken  muss vor und über allem stehen: man soll ihnen so dienen, als wären sie wirklich Christus... Daher sei es die Hauptsorge des Abtes, dass sie unter keiner Vernachlässigung zu leiden haben. ( (RB 36)                                                                                

Benediktinische Spiritualität verlockt dazu, diejenigen zu achten und zu besuchen, die Jesus liebend anschaute und heilte. Wir selbst werden heiler, indem wir unsere gesunde Kraft,  Lebensmut und Kompetenz den Kranken schenken. Wie viel Zeit und Zuneigung geben wir denjenigen, denen hier noch wenig Zeit bleibt? Wie viel Zuwendung erweisen wir den Schwachen und Einsamen?

Den Kranken und Bedürftigen sind im Evangelium die Seligpreisungen gewidmet, sie werden uns ins Land der Verheißungen mitnehmen.   Im Abtskapitel der Benediktsregel finde ich eine fürsorgliche Haltung für die Beziehung zu meinen Schwestern in ihrer Verschiedenheit: Des Abtes Befehl und seine Lehre sollen wie Sauerteig göttlicher Heilsgerechtigkeit die Herzen seiner Jünger durchdringen. Nach der Eigenart und Fassungskraft jedes Einzelnen soll er sich auf alle einstellen und auf sie eingehen.(RB 2)

Als Leitende lerne ich meine Schwestern, ihre seelische und körperliche Kraft und Schwäche neu kennen. Gebrechlichkeit, chronische Schmerzen, Verlust des Seh- oder Hörvermögens und der Konzentration verändern Menschen auch im Wesen. Manche ziehen sich zurück, werden sich und uns fremd. Andere erfahren durch Alter oder Krankheit eine tiefe Reifung: sie werden innerlich stark und gütig. Der persönliche Weg einer Schwester, ihre Bedürftigkeit anzunehmen, ist weit und jede bewältigt ihre körperliche Erkrankung auf ihre Weise.

In Entscheidungen für gute Begleitung und Pflege versuche ich die intellektuelle und emotionale Fassungskraft aller Beteiligten ernst zu nehmen. Wir richten einen Flügel des Hauses so ein, dass die Pflegebedingungen hilfreich sind. Wir leisten häusliche Pflege mit unserer Infirmarin Sr. Brigitte und mit kompetenter Unterstützung durch unsere Sozialstation. Viele Ruhestandsschwestern helfen geduldig unseren hochbetagten Schwestern.

 Der Abt lasse sich vom Gespür für den rechten Augenblick leiten und verbinde Strenge mit gutem Zureden. (RB 2)

Vom Abt wird hohe Intuition und Unterscheidungsfähigkeit verlangt. Mit dieser ‚Discretio’ entwickelt er ein feines Gespür nicht nur für Konflikte, sondern auch für heilsame Widerstandskraft. In neuen Therapieformen  kommt der Resilienz wachsende Bedeutung zu. ‚Resilienz’ist die seelische Widerstandsfähigkeit, mit der tief verletzte oder unter Gewalt aufgewachsene Menschen Lebenskrisen durchstehen. Die Discretio für meine Mitschwestern beruht auch auf der Fähigkeit, einsichtig zu werden - ihnen und  mir selbst gegenüber, in ihre und meine Widerstandskraft und Schwachheit.

Unser Zusammenleben im „Mehrgenerationenhaus“ braucht gute Absprachen und gegenseitigen Respekt. Wir lernen miteinander in Alter und Krankheit zusammen zu stehen und feinfühlig zu werden, wenn wir einander nicht verstehen oder kränken. Die Einbindung der betagten Schwestern in den klösterlichen Rhythmus ordne ich zusammen mit meiner Subpriorin individuell und versuche, jeder einen ihren Kräften und geistlichem Leben angemessenen Rahmen zu geben.

Ein Leben lang werden wir in unserer Gemeinschaft lernen, einander zu achten und zu ver-stehen. Die gute Kraft für Ja und Nein, für Hoffnung, Tragen und Verzeihen kommt von Gott und wird in Christus sichtbar. Es ist gut, unter der heilsamen Weisung Seines Evangeliums unterwegs zu sein.

Sr. Friederike Immanuela Popp

Die wahre Sabbatruhe, die den Segen Gottes empfing, in der der Herr von seinen Werken ausruhte und dank der Wirkungslosigkeit des Todes für das Heil der Welt den Sabbat feierte, ist bereits zu Ende. Sie hat ihre besondere Gnade den Augen, den Ohren und dem Herzen erzeigt. Was wir gesehen, was wir gehört, wodurch wir im Herzen frohen Mut gefaßt haben - durch dies alles haben wir die Feier begangen.

Denn was die Augen sahen, war Licht, das uns durch die Feuerwolke mittels der Fackeln in der Nacht vorangetragen wurde. Das Wort, das die ganze Nacht hindurch an unsere Ohren klang, in „Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern” (Eph 5,19), und das sich wie ein Freudenstrom durch das Ohr in die Seele ergoss, erfüllte uns mit den guten Hoffnungen. Das Herz, das sich an Wort und Anblick erfreute, nahm in sich das Bild der unaussprechlichen Seligkeit auf, durch die Erscheinungsbilder zum Unsichtbaren geleitet. - So sind die Werte dieser Ruhe ein Abbild jener Werte, die weder „ein Auge gesehen” noch „ein Ohr vernommen” und die nicht „in eines Menschen Herz gedrungen” sind (1 Kor 2,9). Sie enthalten in sich die Bürgschaft für die unaussprechliche Hoffnung auf das, was (uns) bereit liegt.

Nachdem nun diese leuchtende Nacht den Schein der Fackeln mit den Morgenstrahlen der Sonne vermählt und so einen zusammenhängenden Tag geschaffen hat, der nicht zerrissen ist durch die Einschiebung der Finsternis, lasst uns, Brüder, das Prophetenwort begreifen, das da lautet: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat” (Ps 1117,24). An diesem Tag obliegt nichts Schweres und Schwieriges, sondern Freude und Frohsinn und Jubel. Heißt es doch (weiter): „Lasst uns jubeln und fröhlich sein an ihm” (ebd.). Herrlicher Zustand! Süßes Gesetz! Wer säumt, solchen Aufforderungen zu folgen? Wer hielt selbst einen geringen Aufschub dieses Zustandes nicht für Nachteil? Frohsinn obliegt, und Jubel lautet das Gebot. Dadurch wird die Verurteilung wegen der Sünde aufgehoben und das Traurige in Freude verwandelt.

So lautet der Spruch der Weisheit: An einem Freudentag vergisst man das Böse. Dieser Tag ließ das erste Urteil wider uns vergessen, vielmehr aufheben, nicht (nur) vergessen. Denn er wischte jede Erinnerung an unsere Verurteilung gänzlich aus.

Damals erfolgte die Geburt unter Schmerzen, nun geschieht das Gebären ohne Wehen. Damals wurden wir als Fleisch vom Fleisch geboren, nun ist das Geborene Geist vom Geist. Damals wurden wir als Menschensöhne geboren, nun als Gotteskinder. Damals wurden wir vom Himmel auf die Erde fortgewiesen, nun hat der Himmlische auch uns himmlisch gemacht. Damals herrschte durch die Sünde der Tod, nun gelangt statt dessen durch das Leben die Gerechtigkeit zur Macht.
Einer war es damals, der dem Tod den Zutritt eröffnete, einer ist es nun ebenfalls, durch den dagegen das Leben Zutritt erhält.

Damals verloren wir durch den Tod das Leben, nun wird vom Leben der Tod vernichtet. Damals verbargen wir uns aus Scham unter dem Feigenbaum, nun nahen wir uns in Herrlichkeit dem Baum des Lebens. Damals wurden wir durch den Ungehorsam aus dem Paradies vertrieben, nun gelangen wir durch den Glauben ins Paradies. Wiederum ist uns die Frucht des Lebens zum Genuss, nach freier Entscheidung, dargeboten. Wiederum tränkt die Quelle des Paradieses, durch die Ströme des Evangeliums vierfach geteilt, das ganze Antlitz der Kirche, so dass sie auch die Furchen unserer Seele bewässert, die der Sämann des Wortes mit dem Pflug der Lehre zog, und die Früchte der Tugend sich mehren.

Was soll man nun angesichts dessen tun? Was sonst, als die prophetischen Berge und die Hügel in ihrem Hüpfen nachahmen? Denn „die Berge”, heißt es, „hüpften wie Widder, und die Hügel wie Lämmer von Schafen” (Ps 113,4).

„Kommt” also, „lasst uns zujubeln dem Herrn” (Ps 94,1), der die Macht des Feindes vernichtet und im Sturz des Widersachers das große Siegeszeichen des Kreuzes für uns aufgerichtet hat. „Erheben wir Kriegsgeschrei” (ebd). Das Kriegsgeschrei aber ist ein freudiger Siegesruf, von den Siegern wider die Unterlegenen erhoben. Da nun die Schlachtreihe des Feindes gefallen ist, weicht auch jener Machthaber über das schlimme Heer der bösen Geister selbst, er ist verschwunden und bereits ins Nichts versunken. Bekennen wir, dass Gott der große Herr und der große König über die ganze Erde es ist, der „den Kranz des Jahres” seiner „Güte” gesegnet (Ps 64,12) und uns zu diesem geistlichen Chor versammelt hat, in Christus Jesus, dem Herrn, dem die Ehre sei in Ewigkeit. Amen.

Gregor v. Nyssa Ostersonntagspredigt Übersetzung bearbeitet: Abtei Mariendonk

Karfreitag

Aus einer Karfreitagsbetrachtung aus dem 4. Jahrhundert

Vollbracht ist für uns nun der Fastenkampf. Er hörte auf am Kreuz. Wo anders hätte der Sieg seine Vollendung finden sollen, als am Siegeszeichen Christi? Denn Christi Siegeszeichen ist das Kreuz. Wenn ich auch noch unzähliges andere über Christus sagen könnte, so rühme ich mich dessen nicht so wie des Kreuzes.

Was ist also heute geschehen? Es war bereits Dämmerung und eben gegen Morgen zu, da wird Jesus in das Prätorium des Pilatus geschleppt, mit gefesselten Händen. Was sind das für Hände? Sie haben Blinde geheilt, Lahme gesund gemacht. Mit Fesseln umwunden waren die Finger, die Augen gebildet hatten. Der Pfleger der Natur ward festgehalten, damit er nicht sein eigenes Kunstwerk vollenden könne. So wird dem Herrn vergolten. Gebunden ward er, der die Wasser im Gewölk bindet, der Gefangenen Freilassung schenkt. Gebunden ward, der Lazarus aus den Banden des Todes befreite. Dem Pilatus ward vorgeführt, der den Himmel zum Thron hat. Ergriffen und festgehalten wurde der Schöpfer von seinen Geschöpfen, der Bildner von seinem Gebilde, der Werkmeister von seinem Werk.

Es wartete also auf das Gericht der Richter der ganzen Welt. Und Menschen saßen zu Gericht; Gott aber stand; er stand und schwieg; an den Vortüren der Menschen stand der Herr über die Himmelspforten. Jesus schwieg, nicht weil das Wort um das Wort verlegen gewesen wäre, sondern um nicht durch die Antwort den Siegeskranz des Kreuzes preiszugeben.

Pilatus sprach: „Ich finde keine Schuld wider ihn”. Nicht nur du, Pilatus, sondern auch nicht die Juden, aber auch nicht die Blinden und die Toten, nicht Sonne und Mond, nicht das Weltall und nicht alle Gerechten, Propheten und Martyrer! Sagt doch einer ihrer Propheten: „Er tat keine Sünde, und in seinem Mund ward kein Trug erfunden”. Alle stimmen mit Pilatus überein und geben so ein gerechtes Urteil ab.

„Da erwiderten ihm die Juden: Wir haben ein Gesetz, und nach unserem Gesetz muss er sterben!”. Welches Gesetz? Durch welche Sprüche wird es bestätigt? Vielleicht durch die, die heute gelesen wurden: „Wie ein Schaf ward er zur Schlachtung geführt, und wie ein argloses Lamm, das stumm bleibt vor seinem Scherer, so öffnet er seinen Mund nicht. Wegen der Missetaten meines Volkes wurde er zum Tode geführt”.

Pilatus ging ins Prätorium hinein und kam heraus mit Jesus, der eine Krone trug und mit einem Purpurmantel bekleidet war. Er zeigt ihnen den Feind, der nunmehr eine Krone trug, mit einem Königsgewand bekleidet war. Was geschehen war, beruhte auf Übermut, war indes eine Anspielung auf das natürliche Königtum.

„Hinweg, hinweg, kreuzige ihn!” - „Wollt ihr, dass ich euren König kreuzigen soll?” - „Wir haben keinen König” sagen sie, „als den Kaiser”. Ihr habt keinen König als den Kaiser? Wer hat euch denn in der Wüste geführt, oder wer gab euch zu essen? Wen verkündet Moses, wenn er sagt: „Der Herr ist König für alle Zeit und immerdar”. Nachdem ihr also euren König verleugnet habt, bleibt künftig ohne König und schleppt das Joch der Knechtschaft.

Er erhielt Backenstreiche, wurde angespien, geschlagen, gegeißelt. Doch keineswegs mußte er sich dessen schämen. Stelle dich zu Jesaja und betrachte Gott mit dessen Augen! Was sagt er denn? „Wir sahen ihn, und er hatte nicht Gestalt noch Schönheit. Vielmehr war seine Gestalt unansehnlich, mangelhaft im Vergleich zu den Menschenkindern“. Nicht Schönheit noch Gestalt hatte der Meister aller Schönheit. „Ein Mensch, geschlagen und geübt, Schwachheiten zu ertragen”. Als Mensch, nicht als Gott. Denn es war der Mensch, der geschlagen wurde, nicht Gott. Wer ist nun dieser Vielgeplagte, der schmerzensreiche Spielball aller? Leidet er nicht etwa sogar mit Recht, was er leidet? „Dieser trägt unsere Sünden und leidet um unseretwillen“. „Durch seine Striemen wurden wir geheilt”.

„Es wurden aber auch zwei andere Missetäter mit ihm hinausgeführt”. „Gedenke meiner”, sagte der eine, „wenn du in dein Königreich kommst”. Welche Macht besass Jesus! Der Räuber ist nunmehr ein Prophet, der vom Kreuz herab ausruft: „Gedenke meiner, Herr, wenn du in dein Königreich kommst!” Was siehst du denn von einem König, Räuber? Backenstreiche, Speichel, Nägel und das Kreuzesholz und die Spottreden der Juden und nun die entblößte Lanze der Soldaten. Doch, sagt er, ich sehe nicht das Sichtbare. Ich sehe wie die Engel ringsum stehen, die Sonne entweicht und der Vorhang zerreißt, wie die Erde zittert, wie Tote zu entweichen streben. Jesus aber nimmt alle auf, auch die Propheten, die um die elfte Stunde kommen wie die Arbeiter und gibt ihnen den nämlichen Denar. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir heute wirst du mit mir im Paradies sein”. Ich habe dich vertrieben, ich führe dich hinein, ich, der die Pforten des Paradieses verschloss, der es mit einem feurigen Schwert ummauerte. Wenn ich nicht hineinführe, bleiben die Pforten verschlossen. Komm her, Räuber! Du hast den Teufel beraubt und hast gegen ihn die Krone gewonnen; du hast einen Menschen gesehen und ihn als Gott angebetet; du hast die vormaligen Waffen weggeworfen und die Waffen des Glaubens ergriffen.

Während alles geheiligt wurde, als die Doppelquellen von Blut und Wasser sich ergossen, da vollbrachte Jesus seine Aufgabe. „Vater, vergib ihnen” die Sünde! „Vergib” wem? Griechen, Juden, Fremden, Barbaren, einfach allen. Er sagt es von jedem Volk und sagt es immerdar, und wer will, empfängt Vergebung.

Bleiben wir daher nüchtern und wachsam, damit wir mit den himmlischen Heerscharen zusammen das Fest feiern können, in Christus Jesus unserem Herrn, dem die Ehre sei und die Macht jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.

Übersetzung bearbeitet : Abtei Mariendonk

Vom Schweigen

Schweigen ist ein großer Wert, denn im Schweigen kommt der Lärm der Außenwelt zur Ruhe und dadurch besteht die Möglichkeit, ins eigene Innere zu schauen, auf sich selbst, andere und Gott zu hören.

Stimmt das? Ist unsere Erfahrung nicht oft eine ganz andere? Wenn wir aufhören zu reden, wenn es um uns herum still wird und kein Lärm uns ablenkt – werden wir dann still? Oft scheint es doch eher so, als wecke die äußere Stille den Lärm im Inneren. Da kommen die Ereignisse der letzten Tage hoch, die Sorgen oder auch Freuden, die wir sonst vielleicht nicht so wahrnehmen, vielleicht auch nicht sehen wollen. Wir sagen, dass der Lärm uns daran hindert, einzukehren bei uns selbst und frei zu werden für Gott. Aber ist das wirklich immer der Lärm von außen? Suchen wir nicht immer wieder diesen Lärm, um die Stimmen im eigenen Inneren zu betäuben?

Im Kloster gibt es Zeiten des Schweigens und auch für Menschen, die nicht im Kloster leben, ist es wichtig, sich solche Zeiten zu nehmen. Dabei kommt es dann aber nicht nur darauf an, den Mund zu halten, Radio und Handy auszuschalten, vielleicht eine stille Umgebung zu suchen. Es geht darum, innerlich zum Schweigen zu kommen. Dieses Schweigen ist nicht Selbstzweck, sondern soll zu einer größeren Hörfähigkeit, zum Hören führen.

Wenn nun aber erst einmal ganz viel Eigenes zum Vorschein kommt, was mache ich dann damit? Bereits die Mönchsväter kannten dieses Problem: Sobald man sich zurückzieht, kommen die Gedanken hoch. Sofern es Gedanken des Hochmuts, Grolls, der Verletztheit usw. waren, scheuten sie sich nicht, solche Gedanken dem Einfluss von Dämonen zuzuschreiben, oder sie sogar mit ihnen zu identifizieren. Dämonen muss man bekämpfen. Also gilt es, den aufsteigenden Gedanken, die uns nicht weiterführen, zu widerstehen. Z.B., so war die Überzeugung der Väter, kann man Gedanken unschädlich machen, indem man sie sich verbietet. Gedanken, die einen bedrängen, nicht mehr zu denken, ist nicht so einfach und sicher nicht mit einem einmaligen Willenentschluss getan, sondern erfordert Kampf und Disziplin. Vielleicht erscheint es uns heute auch etwas verdächtig. Denn sind die Gedanken, die ich zurückdränge, wirklich erledigt, oder habe ich sie nur verdrängt, und arbeiten sie um so mehr in meinem Inneren? 

So liegt uns vielleicht eine andere Möglichkeit näher. Man schaut sich das, was einen bewegt, genauer an und setzt sich damit auseinander. Manches, was wir genauer in Augenschein nehmen, verliert an Bedeutung und verschwindet wie ein Gespenst im Nebel. Mit anderem muss man sich vielleicht mehr auseinandersetzen, muss ihm unter Umständen energisch widersprechen.

Da kann es sehr helfen, nicht nur zu schweigen, sondern zu einem anderen Menschen zu gehen, und mit ihm zu besprechen, was einen bewegt. Der/die andere kann helfen, die Dinge im rechten Licht zu sehen, und damit auch, den Weg neu zu finden. Ganz viel geschieht schon dadurch, dass uns jemand zuhört, dass da jemand ist, der schweigen kann und hören. Und vielleicht kann er / sie dann auch einen Rat geben. Dann wiederum muss ich fähig sein, das Wort des anderen zu hören und aufzunehmen.

Der / die andere stellt bereits dadurch, dass ich mich ihm stelle, einen Anspruch von außen dar. Ich bin mit meinen Gedanken nicht mehr allein. Und er kann mir auch ein Wort sagen, das diesen Anspruch verdeutlicht, konkret macht.  Unabhängig von solchen Situationen des Rat-Holens und Sich-Aussprechens ist das Wort eines anderen, mehr noch das Wort Gottes ein Anspruch, dem ich mich stellen darf und soll. Wenn ich diesen Anspruch an mich heranlasse, vertreibt er meine grübelnde Besorgnis um mich selbst und macht mich so zu einem schweigenden Menschen. Je mehr ich wirklich schweigen gelernt habe, um so besser werden ich den Anspruch vernehmen. Man kann daher das Hören auf einen anderen und auf anderes (z.B. auf ein gutes Buch) geradezu als einen weiteren Weg bezeichnen, um vom inneren Lärm frei zu werden.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“, sagt Paulus in einem etwas anderen Zusammenhang (Röm 12,21). Aber es gilt wohl auch für den Umgang mit sich selbst. Vertreibe die bösen Gedanken durch gute. Kreise nicht immer wieder um das, was dich belastet, sondern tu den Schritt in die Freiheit und lass anderes, lass die immer größere Wahrheit in dich hinein.

Das ist letztlich der Sinn des Schweigens im Kloster und außerhalb des Klosters: Hörfähig zu werden für den Anruf Gottes. In jedem Augenblick unseres Lebens will er uns erreichen, in jedem Augenblick sollen wir ihm zur Verfügung stehen, wie es etwa von Abraham oder Samuel in der Heiligen Schrift berichtet wird und wie viele andere nach ihm es uns vorgelebt haben.

Gott prüfte Abraham und sprach zu ihm: „Abraham, Abraham!“ Er antwortete: „Hier bin ich!“ (Gen 22,1)

Da rief der Herr: „Samuel, Samuel!“ Der antwortete: „Hier bin ich.“ (1 Sam 3,4)

Der Lärm,

der uns hindert,

die Stimme Gottes zu hören,

ist nicht,

wirklich nicht,

das Geschrei der Menschen

oder das Fiebern der Städte

und noch weniger

das Sausen der Winde

oder das Plätschern der Wasser.

 

Der Lärm,

der die göttliche Stimme

erstickt,

ist der innere Aufruhr

gekränkter Eigenliebe,

erwachenden Argwohns,

unermüdlichen Ehrgeizes.

                        Helder Camara

Sr. Mirjam Pesch, Abtei Mariendonk