Leben nach der Weisheit des Hl. Benedikt im Heute Gottes

 Wir Ordensfrauen und –männer verstehen bis heute die Regel des Hl. Benedikt als einfache, klare Auslegung des Evangeliums. Die Regel spricht uns an als Töchter und Söhne in unseren Herkunftsfamilien und in allen Facetten unserer Lebenserfahrungen und Beziehungsgestaltungen. Wir wagen geduldig im Alltag einen Weg der Menschwerdung unter Gottes liebendem Blick. Das Regelbüchlein verstehe ich als eine verdichtete Schule des Lebens mit Jesus, dem Christus. In der hohen Wertschätzung der Hl. Schrift bleiben wir mit den jüdischen Geschwistern untrennbar verbunden im Umgang mit der Thora, den Weisungen Gottes für gelingendes Leben.

Zwanzig Jahre nach der Zeitenwende wanderte Jesus - wie viele Rabbis zu jener Zeit - mit seinen Jüngerinnen und Jüngern durch seine Heimat. Sie wuchsen zusammen zu einer Wanderschule des gemeinsamen Lebens. Ich stelle es mir vor wie ein ‚Pilger-Kloster‘ unter Gottes freiem Himmel. Die Schülerinnen und Schüler, die mit Jesus durch das Galil nach Jerusalem zogen, waren Erwachsene. Ebenso nahm Benedikt in seine ersten Gründungsklöster nur erwachsene Brüder auf, er brauchte sie in dieser Reife und in ihren Qualitäten von verantwortlichem Denken, Sprechen, Schweigen und Handeln.

Die Novelle von Luise Rinser ‚Geh fort, wenn du kannst‘ hatte mich schon vor meinem Eintritt in die Communität vor 25 Jahren fasziniert. Unter uns sechs Novizinnen wurde dieses geliebte Buch gehütet und weitergereicht. In dieser tiefsinnigen Berufungsgeschichte zur Benediktinerin erzählt Luise Rinser, wie die junge Medizinstudentin und kommunistische Widerstandskämpferin Angelina in den italienischen Partisanenkämpfen des 2. Weltkrieges ein zerstörtes Kloster entdeckt. Angelina kann sich Gottes Anruf nicht entziehen, sie wird von der tiefen Kraft des Bleibens so ergriffen, dass sie zwar fort will, aber nicht kann. Als die Äbtissin nach den Kriegswirren zurückkehrt, bittet sie Angelina darum zu bleiben und sagt, sie wolle gesunde, ruhige, vernünftige Leute in ihrem Kloster. Das innere Ringen von Angelina wird bewegend geschildert, auch der schmerzliche Abschied von ihrem Freund, dem Führer der Partisanengruppe. „Ja“, erzählt später Angelina, „ich habe ihn geliebt und auf meine Weise liebe ich ihn noch. Ich werde ihn immer lieben. Aber was ist dies alles, die Liebe und der Schmerz, gegen die Freude der Taube, die des Vogelstellers Schlinge entronnen ist und ihr Nest gefunden hat?“

 Schon im Prolog, dem Vorwort der Regel, denkt Benedikt an die Menschen, die sich nur schwer in eine Gemeinschaft integrieren wollen und denen die Kraft zum Durchhalten ausgehen könnte. Er will sie nicht belasten, die Gottsucher, die sind, wie sie sind. Denn sie suchen Gott von ganzem Herzen und ganzer Seele mit aller ihrer Kraft. Jede und jeder hat eine große Lebensentscheidung getroffen und bleibt im kleinen, unbedeutenden Alltag unterwegs: kraftvoll und verletzlich, überbehütet und vernachlässigt, gesund und krank.

Benedikt setzt Grenzen in seiner Regel und vertraut auf die innere Lebenskraft der Ordensleute: Mit dieser Kraft können tief verletzte oder unter Gewalt aufgewachsene Menschen sich ihren Lebenskrisen stellen und sie durchstehen. Benedikt hatte Mitbrüder, die in Sklaverei geboren waren und Misshandlungen überlebt hatten. Andere Brüder gehörten durch Geburt in die adelige Herrschaftsschicht. In der für damalige Zeiten ganz neuen klösterlichen Ordnung verlieren Projektionen von Macht und Ohnmacht ihre Wirkung, wenn in der Seelensorge das Neue und Befreiende erkannt wird.

Benedikt bindet sich in seiner Sprache und in seinen Bildern ganz dicht ans Evangelium: Jesus sah die Menschen an und gewann sie lieb. Jesus kannte sie wie ein Hirte und trug auch die Einzelnen in gerechter Sorge, achtsam und maßvoll. Und Jesus lehrte seine Jüngerinnen und Jünger unermüdlich das Wesen Gottes in Seiner Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wie Handwerker des Klosters ihr Handwerkszeug als heiliges Altargerät behandeln, so erwartet Benedikt von seinen Brüdern, dass sie einander sehen und achten wie kostbare, anvertraute Gefäße Gottes. In der Profess vertrauen wir uns einander an auf Lebenszeit.

Für das spätantike Klassensystem und Autoritätsverständnis scheinen manche Verse der Regula aus dem 6. Jhdt. überraschend ‚anti-autoritär‘. Wie Jesus Christus soll die und der Obere eines benediktinischen Klosters einfach und bescheiden mit Gott gehen und die auf Zeit anvertraute Herde schützen und leiten. Je nach Begabung übernehmen reifere Brüder die Mitverantwortung für die Grenzen des Einzelnen und den schützenden Rahmen des geistlichen Lebens. In den Laudes am Sonntag singen wir Psalm 147. Mich berührt immer wieder der Vers:

Denn er hat die Riegel deiner Tore gefestigt,

die Kinder in deiner Mitte gesegnet.

Er umgibt dein Gebiet mit Frieden,

er sättigt dich mit bestem Weizen.

Die Lebenserwartung im 6. Jhdt. in Italien war gering. Die Säuglingssterblichkeit betrug wohl 50 %, Rom war von Malariasümpfen umgeben, Kranke und uneheliche Kinder wurden ausgesetzt. Eine kleine Gruppe der Ordensleute erreichte wohl das Alter, das wir heute ‚Lebensmitte‘ nennen oder ‚aktiven Ruhestand‘. Ein Mann oder eine Frau, die über 60 Jahre alt war, galt als hochbetagt und weise. Das Überleben damals war bedroht von Pest, von Seuchen und Kriegen. Immer wieder brachen Völker ein und verwüsteten die Dörfer und Ländereien. Die Hungersnöte waren so furchtbar wie die aktuellen Katastrophen in Westafrika durch die Ebola-Seuche und Terrorkämpfe im Irak und Syrien. Mich erschüttern die Bilder aus den Flüchtlingslagern der jesidischen Familien. Wir leben heute in unserer Heimat Deutschland so sicher, wie nie zuvor.

Das macht mich still und zutiefst dankbar. Unsere Communität, unsere Familien, wir alle dürfen leben im Frieden, für uns gilt schon heute die Vision des Hl. Benedikt vom Frieden. Ich wünsche uns in unserem Land die Kraft, diesem Frieden zu folgen, ihn zu schützen und zugleich unsere Türen zu öffnen für Flüchtlinge und Heimatlose. Wir leben aus dem Vertrauen, dass Gott unsere Häuser mit Frieden umgibt, das sei uns geschenkt im Heute Gottes.

 Priorin Friederike Immanuela Popp Communität Casteller Ring

Gottes Willen tun?

“Gott ist es, der mir widersteht. Gerade dadurch drängt er sich mir auf. Denn wenn ich ihn erfände, so würde ich ihn mir willfähriger gestalten. Gerade daran aber, daß er mich stört, daß er meine Denkgewohnheiten und meine Pläne, mein Leben nach meinem Geschmack einzurichten, umstößt, erkenne ich seine Gegenwart. Diesem Paradox sehe ich mich gegenüber... Indem ich mich vergeblich bemühe, ihn meinem Willen anzupassen, lerne ich ihn erkennen. Schließlich wird er mich lehren, ihn zu lieben, indem ich meinen Willen dem seinen zu beugen suche”

J. Daniélou

Woher nehmen wir die Maßstäbe für unsere Entscheidungen? Aus dem was vernünftig ist? Aber oft zeigt sich im Laufe der Zeit, daß unsere vermeintliche Vernunft sehr voreingenommen war. Aus dem, was uns glücklich macht oder doch zumindest zufrieden? Aber wissen wir das überhaupt? Das Gute und Richtige und damit auch Glücklich-machende liegt nicht auf der Hand und diese Tatsache kann gerade für Menschen, die verantwortungsbewußt sind, eine große Sorge sein.

Als Christen fragen wir darüber hinaus: Was ist Gottes Wille in dieser Situation? Wohin soll es nach seinem Plan mit mir, mit unserer Gemeinschaft, unserer Familie, unserer Welt gehen? Und wir beten: „Dein Wille geschehe“ (meinen wir das immer ganz ehrlich?).

Was ist Gottes Wille, wie erkennt man ihn?

Darauf gibt es keine einfache Antwort (auch wir im Kloster haben keine), sondern nur den Hinweis der Bibel, daß man Gott und seinen Willen „suchen“ muß und das nicht für eine begrenzte Zeit, sondern ein Leben lang. Wäre es anders, wäre Gott eine Art Automat, in den man eine Frage einwirft und der dann die passende Antwort ausspuckt. Gott aber ist lebendig – lebendiger als wir selbst – und sein Wille hängt nicht über uns wie ein seit Ewigkeit feststehender Plan, sondern ist immer neu, immer heute.

Gottes Wille zeigt sich in meinen Neigungen und Talenten, in meiner Vernunft, in den Menschen, die auf mich zukommen, in den Situationen, in die ich mich gestellt sehe, er zeigt sich aber auch in meiner Schwäche, dort, wo ich müde und überfordert bin, in den Mißerfolgen meines Lebens.
Wer sagt denn, daß innerer Friede der Sinn des Lebens ist? Mittragen der Verlorenheit, Zerrissenheit, des Zweifels einer Zeit kann auch Gottes Wille sein.

Gottes Willen zu erkennen, setzt Hören voraus, ein offenes Lauschen auf das Wort der Bibel, auf Menschen, Dinge und Ereignisse. Nicht immer schon wissen, was das Richtige ist, sondern Zulassen der eigenen Ohnmacht und Unsicherheit, gehört zu diesem Hören. „Selig, die arm sind vor Gott.“

Gottes Wille ist das Geschenk einer Liebe, die sich mitteilt. Man kann ihn nicht skeptisch beurteilend empfangen, sondern nur in Sehnsucht erwarten. Und obwohl man niemals jemandem beweisen kann, das dies oder jenes der Wille Gottes ist, kann man hin und wieder mit großer Klarheit (und Freude) wissen, was Gott jetzt und hier von uns (von mir) will und hoffen, er werde auch die Kraft dazu geben.

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk


Dein Leben will singen

 

Und jemand muss singen,

Herr,

wenn du kommst!

Das ist unser Dienst:

Dich kommen sehen und singen.

Weil du Gott bist.

Weil du die grossen Werke tust,

die keiner wirkt als du.

Und weil du herrlich bist
und wunderbar,

wie keiner.

Mit diesen Worten im «Gebet des Klosters am Rand der Stadt» formuliert Silja Walter treffend, was unsere Kernaufgabe als Benediktinerinnen im Kloster am Rand der Stadt ist: Den Herrn kommen sehen und singen. Die Feier der Liturgie hat in einem Benediktinerinnenkloster seit jeher einen hohen Stellenwert, ja höchste Priorität. «Hört man das Zeichen zum Gottesdienst, lege man sofort alles aus der Hand und komme in grösster Eile herbei. Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden.» (Regel Benedikt RB 43,3). Mahnt uns der heilige Benedikt in seiner Regel. Die Gebetszeiten strukturieren denn auch den benediktinischen Tag. Sie geben ganz im Sinne Benedikts den «Takt» an, wenn er schreibt: «Es gelte, was der Prophet sagt: „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob.“ Auch in der Nacht lasst uns aufstehen und ihn preisen.» (RB 16,1.5). Heute stehen wir im Fahr zwar nicht mehr mitten in der Nacht auf, aber unser Tag beginnt morgens um 5.20 Uhr mit der Vigil. Die frühen Morgenstunden sind geeignete Zeit für das Gebet und die Meditation. Während viele Menschen in überfüllten Zügen oder im Stossverkehr zur Arbeit fahren, dürfen wir das Lob Gottes singen. Welch ein Geschenk! Fünf weitere Gebetszeiten, verteilt durch den Tag, geben einen wohltuenden Rhythmus zwischen Arbeit und Gebet.

In seiner Regel beschreibt unser Ordensvater Benedikt ausführlich die Ordnung der Gottesdienste. In elf Kapiteln gibt er klare Anweisungen, welche Psalmen und Texte in welcher Reihenfolge zu singen bzw. vorzutragen sind. Nach detaillierten Ausführungen sprengt Benedikt am Ende des 18. Kapitels den Rahmen der Ordnung: «Wir machen ausdrücklich auf folgendes aufmerksam: Wenn jemand mit dieser Psalmenordnung nicht einverstanden ist, stelle er eine andere auf, die er für besser hält.» (RB 18,22). Ja, von dieser Grösse Benedikts können wir auch heute immer wieder lernen! Beim Gottesdienst geht es nicht um das Absolvieren eines Pensums, sondern darum die Beziehung zu Christus zu vertiefen. Wie oft vergessen wir im Gedränge des Alltags, in den täglichen Herausforderungen und Aufgaben, dass Gott da ist?! Der gemeinsame Gottesdienst soll uns helfen in die Gegenwart Gottes zurückzukehren und darin zu leben. Benedikt erinnert uns im Kapitel 19 der Regel: «Überall ist Gott gegenwärtig, so glauben wir, und die Augen des Herrn schauen an jedem Ort auf Gute und Böse. Das wollen wir ohne Zweifel ganz besonders dann glauben, wenn wir Gottesdienst feiern. Denken wir daher immer an die Worte des Propheten: „Dient dem Herrn in Furcht. Singt die Psalmen in Weisheit. Vor dem Angesicht der Engel will ich dir Psalmen singen.“ Beachten wir also, wie wir vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel sein müssen, und stehen wir so beim Psalmensingen, dass Herz und Stimme in Einklang sind.» (RB 19) «Singen» ist eine mögliche Ausdrucksform des Gebets. Singen im Gottesdienst ist mehr als das Vortragen eines Liedes. Singendes Beten befreit, belebt, erfreut und stärkt Herz und Seele. Singen kann heilende Wirkung haben.

 Die vor drei Jahren verstorbene Nonne und Dichterin, Silja Walter OSB, spricht in vielen ihrer Texten vom «Singen». Sie weiss wovon sie spricht, hat sich doch selber über sechzig Jahre als Benediktinerin in unserer Gemeinschaft gelebt: Singen ist eine zutiefst spirituelle Gotteserfahrung, welche wir nur schwer in Worten ausdrücken können. Silja Walter hatte die wunderbare Gabe, ihre Gotteserfahrungen verdichtet in Worte und Metaphern zu fassen. So zum Beispiel wenn sie im Hymnus «Nacht» das sehnsuchtsvolle, nächtliche Wachen in folgende Worte kleidet:

Herr und Gott,
die Lichter schwinden,
deine Kirche wacht.
Wer dir singt,
der wird dich finden;
du wohnst in der Nacht.
Lass uns ein.
Du allein
kannst uns Licht
in deinem Dunkel sein.

«Wer dir singt, der wird dich finden!». Singen ist wie das «Oel in der Lampe». Die klugen Jungfrauen im Evangelium wachen und halten Oel in ihren Lampen bereit. Sie gehen dem Bräutigam mit brennenden Lampen entgegen, wenn er kommt. Sie finden ihn. Ihr Singen, ihr Oel, lässt sie nicht müde werden.

Die Begegnung mit Gott erweckt Freude und Lebendigkeit. Diese Gotteserfahrung will singen und weitergetragen werden. Dies verdichtet Silja Walter im «Tarzisius-Lied», dem Gesang der Ministranten:

Ich trag dich in mir,
schon lange,

schon lang,

ein Leuchten wie Licht,

wie leiser Gesang.

Drum lauf ich und sing ich
und trag dich
mit mir.

 Silja Walter hinterliess uns einen reichen, kostbaren Schatz an Texten. Ihre Worte bereichern unsere Liturgie im Kloster Fahr. Wir singen ihre Hymnen im Stundengebet und verschiedene Gemeindelieder aus dem KG, die aus ihrer Feder stammen, bereichern unsere Gottesdienste. Immer wieder inspirieren uns ihre Texte neue Gottesdienstelemente zu erproben. So z.B. entstand aus dem «Gebet in der Nacht» eine berührende Form der «liebenden Aufmerksamkeit» mit Schuldbekenntnis und Hymnus zur Komplet:

Der Tag verlöscht
und alles was ich tat.

Soweit es Liebe war,

bleibt er für immer strahlend da.

Das andere, mein Herr,

Geliebter,

Gott,

mach vor dir ungeschehen

in deinem alles wissenden Erbarmen.

 

Die Nacht steht wie ein Zelt
um alle Welt.

Ich höre, wie du darin zum Menschen sprichst,

der im Schweigen auf dich lauscht.

Du redest jetzt zu mir,

wie es dir nie gelang,

weil ich dich nicht vernahm,

tagsüber im Getriebe.

 

Stille – Schuldbekenntnis, danach wird die dritte Strophe als Hymnus zur Komplet gesungen:

 

Dank sei dir, Christus, Herr mein Heil,

mein Licht,

für diese dunkle, reine stundenlose Nacht,

in der ich ruhen kann in dir

mit allem, was ich bin und lieb und leide,

mit allen und mit allem,

was du mir gabst und mein ist,

alles ist auch dein.

Behüte es für dich,

Geliebter.

Amen.

 Der folgende österliche Text macht deutlich, dass singendes Gebet nicht aus eigener Kraft möglich ist, sondern durch die verwandelnde Kraft der Auferstehung Christi, Sein Leben will in uns singen.

Dein Leben will singen

Grösser als alle Bedrängnis
ist deine Treue, Herr.

Du sprengtest unser Gefängnis,

du bringst uns das Neue, Herr.

Dein Leben will singen
aus Tod und Misslingen.

Halleluja. Lobet Gott.

Dich kommen sehen und singen, das ist unser Dienst!

 Priorin Irene Gassmann OSB, Kloster Fahr  

Gelassenheit

In meiner geistlichen Lesung las ich vor ein paar Tagen: „Wer auf seinem Lebensweg von der Zuversicht erfüllt ist, dass nichts uns von der Liebe Christi zu trennen vermag, der begrüßt jede neue Situation mit einer kindlichen Erwartung, die das diametrale Gegenteil von Angst und der Qual ist, die viele Menschen empfinden, wenn sie auf die Zukunft schauen.

 Ungeachtet dessen, wie unangenehm der äußere Anschein sein mag, besteht doch die Hoffnung, dass Gott auf verborgene Weise auch durch die seltsamen Ereignisse arbeitet, um Gutes zu bewirken. Damit wenden wir unser Vertrauen in die Vorsehung auf die einfachen Begebenheiten an, die unseren Alltag ausmachen.“

So kann jede Begegnung eine Schnittstelle zwischen mir und Gott sein, vermittelt durch Menschen, wie es in einem alten irischen Gedicht heißt.

„Christus im Herzen jedes Menschen, der an mich denkt.

Christus im Mund jedes Menschen, der zu mir spricht.

Christus in jedem Auge, das mich anschaut.

 Christus in jedem Ohr, das mich hört.“

  Zugegeben, das ist nicht immer leicht. Wir haben unsere Vorerfahrungen, unsere schlechten Erfahrungen, unsere Vorurteile, unsere Ängste oder auch Erwartungen, die uns lieb geworden sind und die wir nicht so leicht loslassen können.

Vielleicht kann uns dabei der Dekalog der Gelassenheit von Papst Johannes XXIII helfen:

1.      Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

2.      Nur für heute werde ich die größte Sorge für mein Auftreten pflegen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemanden kritisieren, ja, ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern… nur mich selbst.

3.      Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin  … nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.

4.      Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.

5.      Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen;  wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, so ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.

6.      Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen, und ich werde es niemand erzählen.

7.      Nur für heute werde ich etwas tun, das ich keine Lust habe zu tun; sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.

8.      Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor Hetze und vor der Unentschlossenheit.

9.      Nur für heute werde ich fest glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten -, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemand auf der Welt.

10.   Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist, und an die Güte zu glauben.

Äbtissin Petra Articus, Seligenthal: Aus einer Fastenmeditation

Muß man beten?

 

 

Beten... Muß man, soll man, kann man, darf man? Bringt Beten etwas? Für wen? Für Gott, für mich, für die anderen?

Und dann: Ist es nicht ein ungeheuerlicher Anspruch zu beten?. Was läßt mich hoffen, Gott, der Schöpfer Himmels und der Erde, werde gerade auf mich hören, sich ausgerechnet für mich interessieren?

Fangen wir mit der ersten Frage an. Wenn wir miteinander sprechen, wollen wir einander entweder über etwas „informieren“ („morgen gehe ich ins Kino“) oder einander dazu  motivieren, etwas zu tun („hilf mir“). Beides kommt bei Gott letztlich nicht in Frage: Wir können ihm nichts sagen, was er nicht sowieso schon wüßte, und wir können ihn durch unser Gebet zu nichts veranlassen, was er nicht auch ohne uns tun würde.

Also „bringt“ Beten nichts? Nein, nicht wenn man Gott als eine Möglichkeit unter anderen benutzt, um die Dinge in den Griff zu kriegen. Aber ist das überhaupt der Sinn von Gebet? Noch einen Schritt weiter: Geht es überhaupt darum, daß ich rede und Gott (vielleicht) antwortet oder geht es nicht viel eher darum, daß ich antworte - endlich einmal antworte?

Menschliches Gebet ist in der Beziehung zwischen Gott und Mensch immer der zweite Schritt, es ist Antwort auf ein längst ergangenes Wort. Gott spricht zu mir täglich, stündlich, jeden Augenblick:  in der Bibel, in der Schönheit und Schrecklichkeit der Welt, in den Menschen und Ereignissen, die mir begegnen. Nur ich antworte selten, weil ich sein Wort nur selten wirklich höre. Eigentlich aber sollte unser ganzes Leben Gebet sein, denn Gott spricht in allem.

Aber Beten ist schwierig. Wir spüren, dass alles, was wir sagen, nicht wirklich ausdrückt, was wir sind und worauf unsere Sehnsucht im Tiefsten zielt. Wir fragen uns: Was wollen wir eigentlich? Was ist unser entscheidendes Anliegen? und finden nicht immer eine Antwort, geschweige denn die richtigen Worte. Hinzu kommt, dass wir, wenn wir versuchen unsere Gedanken auf Gott zu richten, schnell merken, daß wir weder wissen,  wie man Gott anspricht noch worüber man mit ihm sprechen sollte. Wir müssen wie die Jünger zu Jesus sagen: "Herr, lehre uns beten" (Lk 11,1) und dann sein Beten nachsprechen wie ein Kind die Worte der Mutter. Daher ist das Vaterunser für uns Christen der Maßstab all unseres Betens, mit ihm beten wir, wie Jesus uns gelehrt hat.

Beten zu dürfen ist ein Vorrecht, keine Pflicht. Man sollte immer wieder einmal im Gebet dafür danken, daß man beten darf.

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk