Ostersequenz

Christen bringt dem Osterlamme

Lobpreis und Dank als Opfer!

 

Lamm, Erlöser der Schafe,

Christus, selbst ohne Makel,

versöhnt mit dem Vater alle Sünder.

 

Tod und Leben im Streite,

welch ein seltsamer Zweikampf!

Der Fürst des Lebens stirbt, lebt und herrscht jetzt!

 

Maria, verkünd uns! Was sahst du auf dem Wege?

Das Grab des lebenden Christus!

Ihn selber in Herrlichkeit erstanden,

als Zeugen die Engel,

das Tuch sah ich, die Linnen!

 

Vom Tod erstand meine Hoffnung!

Der Herr geht voraus nach Galiläa!

Von den Toten auferstanden ist Christus in Wahrheit!

 

Erbarm dich unser Herr, Sieger, König!

Amen! Halleluja!

 

Übersetzung: Abtei Mariendonk

 

Aus dem Hymnus des Epiphanius (Ps-Epiphanius) v. Salamis zum Karsamstag

Die Bewohner der Unterwelt sahen bei der unvermuteten Ankunft Christi in den unterirdischen Bereichen plötzlich von oben einen die Finsternis überstrahlenden Blitz, der die Sehkraft der feindlichen Mächte der Unterwelt schwächte. Sie hörten das laute Rufen wie einen Donner und die Heerscharen mit großer Macht rufen: „Öffnet die Tore, wer unter euch Anführer ist!” Öffnet nicht nur, sondern hebt sie aus ihren Fundamenten, reißt sie vollständig heraus, damit sie niemals wieder schließen können.

Zugleich mit dem Ruf der Himmelsmächte sind die Tore aufgesprungen, gleichzeitig sind die Fesseln gelöst, die Riegel zerbrochen, die Schranken zerhauen, die Fundamente des Kerkers erschüttert und die feindlichen Mächte in die Flucht geschlagen worden.

 Da vernahm als erster Adam, der Stammvater und Erstgeschaffene aller Menschen, der erste Sterbliche, der allen am inwendigsten ist und mit großer Sorgfalt gefangen gehalten wurde, das Nahen der Schritte des Herrn, der zu den Gefangenen kam. Er erkannte seine Stimme, als er im Kerker umherging.

Da trat der Herr herein mit der Siegeswaffe des Kreuzes. Und als Adam, der Urvater, ihn erblickte, schlug er sich staunend an die Brust und rief den anderen zu: Mein Herr sei mit euch allen! Christus antwortete und sagte zu Adam: Und mit deinem Geiste!

Und er ergriff seine Hand und sprach: „Wach auf, du Schläfer, und erhebe dich von den Toten, und Christus wird dich erleuchten!” (Eph 5,14). Ich bin dein Gott, und um deinetwillen bin ich dein Sohn geworden. Deinetwegen und derer wegen, die von dir abstammen, sage ich nun und gebiete mit Macht denen, die in Fesseln waren:

Richtet euch auf!, und denen in der Finsternis:

Lasst euch erleuchten!, und den Schlafenden:

Steht auf! Dir gebiete ich: Wach auf, du Schläfer; nicht darum nämlich habe ich dich geschaffen, dass du in der Unterwelt gefesselt bleibst.

Steh auf von den Toten, ich bin das Leben der Toten.

Steh auf, du Werk meiner Hände, steh auf, du meine Gestalt, nach meinem Bild und Gleichnis geschaffen.

Steh auf und lass uns von hier wegziehen, denn du bist ja in mir, und wir beide zusammen bilden eine einzige und untrennbare Person.

Um deinetwillen wurde ich, dein Gott, zu deinem Sohn;

um deinetwillen nahm ich, der Herr, Sklavengestalt an;

um deinetwillen stieg ich, der ich über allen Himmeln wohne, herab auf die Erde und unter die Erde;

für dich, den Menschen, wurde ich wie ein hilfloser Mensch, „frei unter den Toten”;

für dich, der du den Garten verließest, wurde ich im Garten den Juden ausgeliefert und im Garten gekreuzigt.

Galle habe ich um deinetwillen genossen, um dich zu heilen von der durch jene süße Speise genossenen bitteren Lust.

Essig habe ich gekostet und den Trank, der der Natur zuwider ist, um die Schärfe deines Todes zu vernichten.

Den Schwamm habe ich genommen, um den Schuldschein deiner Sünde auszulöschen. Das Rohr habe ich genommen, um dem Menschengeschlecht den Freiheitsbrief zu unterschreiben.

Ich entschlief am Kreuze, und die Lanze durchbohrte meine Seite um deinetwillen, der du im Paradies schliefest und Eva aus deiner Seite entließest. Meine Seite heilte den Schmerz deiner Seite, und mein Schlummer führt dich nun aus dem Schlaf der Hölle hinaus. Mein Schwert bannt das gegen dich gezückte Schwert.

So steh denn auf und lass uns von hier wegziehen. Der Feind entführte dich einst aus dem irdischen Paradies; ich aber will dich nicht mehr ins Paradies, sondern auf einen himmlischen Thron setzen. Ich verbot dir einst den Baum des Lebens, der nur ein Gleichnis war, aber sieh, nun bin ich selbst dir vereint als das Leben.

Ich stellte Kerubim auf, um dich, wie es sich für einen Knecht ziemt, zu bewachen; ich mache, dass Kerubim dich, wie es sich für einen Gott ziemt, verehren.

Einst verbargst du dich nackt vor Gott, nun aber hast du den nackten Gott in dir selber geborgen.

Du zogest an das Kleid aus Fellen der Schande; ich aber, dein Gott, zog an das blutige Kleid deines Fleisches.

Darum brecht auf, lasst uns von hier wegziehen, vom Tod zum Leben, von der Verwesung zur Unverweslichkeit, von der Finsternis ins ewige Licht.

Steht auf, lasst uns aufbrechen vom Schmerz zur Freude, von der Knechtschaft zur Freiheit, vom Kerker ins himmlische Jerusalem, aus den Fesseln in die Freiheit, von der Gefangenschaft in die Freude des Paradieses, von der Erde zum Himmel. Denn dazu bin ich gestorben und auferstanden, um zu herrschen über die Lebenden und die Toten.

Lasst uns aufbrechen und von hier wegziehen, denn mein himmlischer Vater wartet auf das verlorene Schaf. Die neunundneunzig Schafe der Engel harren auf ihren Mitknecht Adam: wann er wohl aufsteht, wann er wohl auffährt und heimkehrt zu Gott. Ein Kerubimthron ist bereit, die Träger stehen und warten, das Hochzeitsgemach ist hergerichtet, die Speisen sind zubereitet, die ewigen Zelte und Wohnungen sind gerüstet, die Schätze alles Guten sind aufgetan, das Himmelreich ist vor allen Zeiten für euch bereit. „Was kein Auge je gesehen, kein Ohr gehört und was in keines Menschen Herz emporstieg” (1 Kor 2,9): diese Güter erwarten den Menschen.

 Da der Herr dies und Ähnliches sagte, erhob er sich mit Adam, der mit ihm vereint war. Gleichzeitig erhob sich auch Eva, und viele Leiber, die seit langem gläubig entschlafen waren, standen auf und verkündeten die Auferstehung des Herrn nach drei Tagen. Mit welcher Freude, ihr Gläubigen, wollen wir Christus aufnehmen, ihn schauen und umarmen, mit den Engeln Chöre anführen, mit den himmlischen Geistern ein Fest feiern und Christus Ehre darbringen, der uns aus dem Verderben herausholte und uns das ewige Leben schenkte.

Ihm ist die Ehre und die Herrschaft mit dem Vater, der keinen Anfang hat, und seinem heiligsten, überaus guten und lebenspendenden Geist: jetzt und immer und in die zeitenlose Ewigkeit. Amen.

PG 43,440-464 Übersetzung: Sr. Gregoria Peiker, Abtei Mariendonk

Aus dem Hymnus des Epiphanius (Ps-Epiphanius) v. Salamis zum Karsamstag

Erster Teil

So vernimm denn den geheimen Sinn des Leidens Christi. Vernimm und preise, vernimm und verherrliche, vernimm und verkünde die Großtaten Gottes: wie das Gesetz dahinschwand und die Gnade aufgeblüht ist, wie die Gleichnisse vergingen und die Schatten verzogen, wie die Sonne den Erdkreis erfüllt, wie das Alte veraltete und das Neue sich festigte, wie das Vergangene verging und das Neue zu blühen anfing.

Zwei Völker trafen sich zur Zeit des Leidens Christi auf dem Zion: das Volk der Juden und das der Heiden. Zwei Könige: Pilatus und Herodes, zwei Hohepriester: Annas und Kajaphas, auf dass zwei Osterfeste zugleich gefeiert würden: das eine zum letztenmal, das andere durch Christus zum erstenmal. Zwei Opfer wurden am gleichen Abend dargebracht, wie denn auch zwei Erlösungen sich vollzogen: die der Lebenden und die der Verstorbenen.

Und all dies geschah in Zion, der Stadt des großen Königs. Hier in der Mitte der Welt vollzog sich die Erlösung. Hier wurde Jesus „zwischen den beiden Lebenden”, d.h. zwischen dem Vater und dem Geist, als der Knecht Gottes erkannt, als Leben vom Leben, zwischen Engeln und Menschen in der Krippe geboren, zwischen den beiden Völkern als Eckstein gelagert, zwischen Gesetz und Propheten verkündet, zwischen Mose und Elija auf dem Berg sichtbar, zwischen den beiden Verbrechern für den guten Schächer als Gott erkennbar, zwischen dem gegenwärtigen und dem künftigen Leben als Richter eingesetzt, zwischen den Lebenden und den Toten am heutigen Tage der Wirker eines zweifachen Lebens und Heils.

Bei seiner ersten Geburt kam Christus nach vierzig Tagen in das irdische Jerusalem und in den Tempel, und er brachte als Erstgeborener Gott ein Paar Turteltauben als Opfer dar; nach seiner Auferstehung von den Toten aber stieg Christus nach vierzig Tagen in das obere Jerusalem auf, von dem er nie getrennt war, und in das wirkliche Allerheiligste, als der vom Tod unversehrte Erstgeborene, und brachte Gott dem Vater unseren Leib und unsere Seele wie zwei reine Turteltauben als Opfer dar. Wie einst Simeon ihn in seine Arme nahm, so nahm Gott der Vater, der Alte an Tagen, ihn ohne irgendeinen Vorbehalt in sein Herz auf. Wenn du dies nicht im Glauben aufnimmst sondern als geschwätzige Fabelei, klagen dich die unerbrochenen Siegel des Grabes Christi an, des Herrn der Wiedergeburt. Wie nämlich trotz der durch die Natur beigegebenen Siegel Christus aus der Jungfrau geboren wurde, indem die Verborgenheit des Schoßes der jungfräulichen Natur sich öffnete, so geschah die Wiedergeburt Christi, ohne dass die Siegel des Grabes aufgebrochen wurden.

Zweiter Teil

„Als der Abend herankam:” Es war nämlich spät, denn schon stieg die Sonne der Gerechtigkeit hinab in die Unterwelt. Deswegen „kam ein reicher Mann namens Josef von Arimathäa, der ein Jünger im Geheimen war aus Furcht vor den Juden. Es kam auch Nikodemus, der zu Jesus bei Nacht gekommen war” (Joh 19,38). O verborgenes Geheimnis der Geheimnisse: zwei verborgene Jünger kommen, um Jesus im Grab zu verbergen, das verborgene Mysterium in der Unterwelt: durch ihr eigenes Verborgensein lehren sie uns das Mysterium des verborgenen Gottes. Der eine übertrifft den anderen in seiner Liebe zu Christus. Nikodemus ist großzügig in Myrrhe und Aloe; Josef aber ist lobenswert wegen seines Mutes und seiner Zuversicht gegenüber Pilatus. Er hat nämlich alle Furcht abgelegt und Vertrauen gefasst, er ging zu Pilatus und erbat den Leichnam Jesu und handelte äußerst klug, damit er seinen Wunsch erreichte. Deshalb gebrauchte er Pilatus gegenüber keine stürmischen oder hochfahrenden Worte, damit nicht seine Bitte abgeschlagen würde, wenn jener in Zorn entbrennen würde. Auch nötigte er ihn nicht: Gib mir den Leichnam Jesu, der einst die Sonne verfinsterte, der Felsen spaltete, der die Erde erschütterte, der die Gräber öffnete und den Vorhang des Tempels zerriss. Nichts derartiges sagt er zu Pilatus.

Was also sagt er? Nur eine jammervolle und fast ärmliche Bitte: O Richter, ich bin gekommen, um etwas ganz Geringes von dir zu erbitten: Gib mir einen Toten zur Bestattung, den Leib jenes von dir verurteilten Jesus von Nazaret, jenes armen Jesus, jenes heimatlosen Jesus, jenes aufgehängten, nackten, wohlfeilen Jesus, des Jesus, der Sohn des Zimmermanns war, des gefangenen Jesus, des Jesus, der unter freiem Himmel lebte, des Fremdlings, des in der Fremde Unbekannten, des Vielverachteten, des für alle Hingerichteten. Gib mir diesen Fremdling, denn was nützt dir der Leib dieses Fremden? Gib mir diesen Fremdling, denn er kam von weit her, um den Fremden zu retten, er kam in diese Finsternis herab, um den Fremden heimzuführen. Gib mir diesen Fremdling, denn letztlich ist er der einzige Fremdling. Gib mir diesen Fremdling, dessen Heimat wir Fremdlinge nicht kennen, Gib mir diesen Fremdling, dessen Vater uns Fremdlingen unbekannt ist. Gib mir diesen Fremdling, von dem wir Fremdlinge weder Ort noch Herkunft noch Ziel kennen. Gib mir diesen Fremdling, der in der Fremde das Leben und die Lebensweise der Fremde ertrug. Gib mir diesen Fremdling aus Nazaret, dessen Herkunft und Lebensplan wir Fremdlinge nicht kennen. Gib mir den, der freiwillig ein Fremdling wurde und nichts hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Gib mir diesen Gast, der gleichsam wie ein Gast in der Herberge ohne eigenes Haus in einer Krippe lag. Gib mir diesen Fremdling, der wegen Herodes als Fremdling von dieser Krippe aus sich auf die Flucht begab. Gib mir diesen Fremdling, der von frühester Kindheit an in Ägypten als Gast weilte, der weder Stadt noch Dorf noch Haus noch Wohnung noch Verwandte hatte; er ist wirklich Fremdling in einer fremden Gegend.

Dritter Teil

 So wollen wir denn mit hinabsteigen. Wir wollen ihn geleiten, wollen den Lobgesang mit ihm feiern und uns beeilen, um den Bund Gottes mit den Menschen zu sehen und die Befreiung der Gefangenen durch den gütigen König. Der Menschenfreundliche geht nämlich in unsere Natur ein, um die, die schon lange gefangen sind, mit Kraft und großer Macht herauszuziehen; es sind die, die in den Gräbern liegen, welche der bittere und unersättliche Tod gewaltsam verschlungen hat, jener Tod, der die Gewaltherrschaft ausübt und Gott seine Beute abgenommen hat. Er hat sie zusammengebracht, die jener den himmlischen Bewohnern in Freiheit zurechnen wollte.

Dort ist Adam, der Urvater, gefangen, als der Erstgeborene tiefer unten als alle anderen Verurteilten. Dort ist auch der große Johannes, der größer ist als alle Propheten, der wie im dunklen Mutterschoß allen in der Unterwelt Christus verkündet, der doppelte Vorläufer und der Herold der Lebenden wie der Toten. Er wurde aus dem Kerker des Herodes in den allgemeinen Kerker des Volkes der Unterwelt versetzt.

Die Gerechten und Ungerechten aber, die schon lange entschlafen waren, besonders die Propheten und alle Gerechten brachten dort im Verborgenen und mystischerweise Gott beständig Gebete dar; sie erflehten Erlösung für alle, die von jenem Schmerz betroffen sind und von Trauer erfasst vor dem Feind, der schwarzen und auf immer finsteren Nacht. Und von den Propheten ruft einer: „Aus dem Schoß der Unterwelt vernimm mein Flehen, hör meine Stimme!” (vgl. Jon 2,3), und ein weiterer: „Lass dein Angesicht strahlen, und wir werden gerettet werden!” (Ps 31,17). Einer ruft: „Der du thronst über den Keruben, erscheine!” (Ps 80,2) und noch einer: „Aus dem Verderben komme mein Leben zu dir, Herr, mein Gott!” (vgl. Ijob 33,18).

 Da nun Christus, der gnädigste Gott, sie alle hörte, hielt er es für recht und billig, dass er nicht nur denen seine Barmherzigkeit zuwandte, die zu seiner Zeit oder nach ihm lebten, sondern auch denen, die schon vor seiner Ankunft in der Unterwelt festgehalten wurden und die in Finsternis und Todesschatten saßen. Daher besuchte das Wort Gottes in seinem beseelten Fleisch die mit Fleisch behafteten Menschen.

Vierter Teil

Lasst uns also im Geiste eilen und zur Unterwelt gehen um zu sehen, wie er dort den mit so großer Macht ausgestatteten starken Tyrannen überaus machtvoll besiegt hat.

 Wenn du daher schweigend Christus gefolgt bist, wirst du bald sehen, wo er den Tyrannen gefesselt und wo er sein Haupt aufgehängt hat; wie er den Kerker zerstört hat; wohin er die Gefangenen herausgeführt, auf welche Art er die Schlange zertreten und wo er ihren Kopf aufgehängt hat; wie er Adam in Freiheit gesetzt hat; wie er Eva auferweckte; auf welche Weise er die Scheidewand niederriss; wie er den wütenden Drachen verdammte, wie er unbesiegbare Siegeszeichen aufstellte, wo er den Tod mit dem Tod verwundete und auf welche Weise er das Verderben zugrunde richtete und den Menschen in seine frühere Würde wieder einsetzte.

 .Heute, da er Gott gleich ist, stieg er als Krieger und als Herr in die Unterwelt, zum Tod und zu dem, der durch den Tod zum Tyrannen wurde, zu den unsterblichen körperlosen Heerscharen, zu den nicht nur zwölf Legionen der unsichtbaren Scharen, vielmehr zu den zehntausend mal hunderttausend Engeln, Erzengeln, Herrschaften, Thronen und denen, die keinen Thron haben, zu den sechsfach Geflügelten und denen, die keine Flügel haben, zu den mit Augen übersäten und denen aus der himmlischen Schar, die keine Augen haben. Als ihren eigenen Herrn und König geleiten sie natürlich Christus mit feierlichem Prunk, umringen ihn in Scharen und kommen ihm mit der geschuldeten Ehre zuvor; nicht allerdings als Helfer: das sei ferne! Denn welchen Beistandes bedarf Christus, der Allherrscher? Sondern sie müssen Christus, ihrem Gott, in Liebe immer zur Seite stehen wie Waffenträger, die ihn begleiten, wie schwer Bewaffnete, die ihn schützen; wie strahlende und eifrige Träger des göttlichen, königlichen und herrscherlichen Zepters kommen sie auf einen Wink mit größter himmlischer Eile einander zuvor; gleichzeitig mit dem Befehl bringen sie den Auftrag zur Ausführung und sind als die Sieggekrönten Anführer gegen die Reihen der Feinde und Übeltäter. Deswegen kamen sie auch herab, um eilends mit ihrem Herrn und Gott in die Hölle der Unterwelt und in alle Tiefen der Erde hinabzusteigen, die der versteckte Wohnort der Toten sind, um die mit Kraft herauszuführen, die schon lange in Fesseln gehalten wurden.

PG 43,440-464 Übersetzung: Sr. Gregoria Peiker, Abtei Mariendonk

Lazarus, komm heraus!

 Zum 5. Fastensonntag gehört das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus. Joh 11,1-43.  Es wird nur von Johannes überliefert. Im Johannesevangelium  ist dieses Wunder der Höhepunkt der Zeichenhandlungen, die mit der Hochzeit zu Kana beginnen, mit der Heilung des Gelähmten am Teich Bethesda, der Brotvermehrung (Joh 6,1-15) und der Öffnung der Augen des Blindgeborenen eine Linie verfolgt: Jesus Christus offenbart sich als der, der die neue Wirklichkeit, das neue Leben von Gott, „von oben“, wie es im Johannesevangelium immer wieder heißt, in die Welt bringt. Schrittweise wird deutlich, von Zeichen zu Zeichen stärker, dass Jesus Christus das menschliche Leben umwandelt, wo er es berührt. Die Hochzeitsgäste in Kana feiern mit dem neuen Wein, den der Herr schenkt, das neue Hochzeitsmahl (Joh 2,1-12) dem Lahmen verleiht der Herr neue Bewegungsfreiheit durch die körperliche Heilung, aber auch durch die Sündenvergebung. (Joh 5,9.14) – und bringt die Pharisäer gegen sich auf.  Durch die Brotvermehrung erhalten die Menschen, die sich dem Wort des Herrn geöffnet haben, neues Leben, - das sie aber als solches nicht erkennen.(Joh 6,1-15) Der Blindgeborene darf den Herrn sehen, mit den Augen des Leibes, aber auch mit der Seele (Joh 9,1-41) Alle diese Zeichen offenbaren das „Angebot des Lebens, das Jesus macht, aber sie bleiben dem, der nicht sehen will, gleichzeitig auch verborgen. Und lösen so den Konflikt im Volk Gottes aus.

Auf die Spitze getrieben wird diese Entwicklung in der Zeichenhandlung der Auferweckung des Lazarus.  Jesus hätte seinen Freund  von dessen Krankheit heilen können. Ausdrücklich betont das Johannesevanglium, dass Jesus rechtzeitig davon erfuhr. Aber „diese Krankheit führt nicht zum Tode sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde.“ (Joh 11,4)

Wie soll man das verstehen? Wäre es nicht barmherziger gewesen, Maria, Martha und auch Lazarus das Leid der Todeserfahrung zu ersparen? Lässt Jesus hier erst einmal Leid zu, damit er sich dann um so strahlender als Sieger über den Tod, als Held erweisen kann? Eben verherrlicht wird, auf Kosten der „Opfer“?

Auf der Oberfläche der Erzählung könnte man wohl so denken, das weiß auch Johannes, denn er zitiert als misstrauische Anfrage der Juden: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“ (Joh 11,37). – Ja, das hätte er, aberJesus selbst erklärt seinen Jüngern, dass es um eine tiefere Eben des Geschehens geht, um viel mehr als darum, dass der Ablauf des „normalen“ Lebens nicht gestört wird: „Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt!“( Joh 11,16f). „Wer an mich glaubt, wird leben!“ (Joh 11,25f)

Jesus will also mit dem Zeichen an Lazarus viel mehr schenken als den Gesundheitszustand des Lazarus wiederherzustellen, denn „jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben!“(Joh 11,26)

So schildert Johannes die Auferweckung des Lazarus als Kampf Jesu mit dem Tod, hier an dieser Stelle ist von der Erschütterung und den Tränen Jesu die Rede, nicht mehr in der Passion, die Johannes als Thronbesteigung des Königs von Israel darstellt.

Und zwar ruft Jesus den Lazarus mit seinem machtvollen Wort aus den Fesseln des Todes, er „schreit“ den Lazarus an: Komm heraus! Unwillkürlich muss man an Ps 18 (17) denken: „Mich umfingen die Fesseln des Todes“ (18,5) , „die Bande der Unterwelt umstrickten mich, über mich fielen die Schlingen des Todes“ (18,6) . „Da ließ der Herr den Donner im Himmel erdröhnen, der Höchste ließ seine machtvolle Stimme erschallen!“ (Ps 18,14) Ebenso ruft Jesus den Lazarus ins Leben, ausdrücklich schildert der Evangelist dabei, dass Jesus ganz in der Übereinstimmung, in der Einheit mit dem Vater handelt: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast! (Joh 11,41)“ Aber nicht nur Lazarus, auch die, die dieses Zeichen sehen und verstehen, empfangen Leben, das in Ewigkeit nicht nicht endet, denn das Zeichen soll den Glauben an Jesus als das Leben schlechthin wecken „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ sagt der Herr zu Martha (Joh 11,25)

Lassen auch wir uns heute, am 5. Fastensonntag vom Herrn herausrufen aus den Fesseln, die unser Leben beengen und uns von ihm in das neue Leben Seiner Auferstehung rufen, dass schon hier in dieser Welt beginnt, immer da, wo wir auf seinen Ruf hören!

 

Sr. Placida Bielefeld, Abtei Mariendonk

 

Christus überhaupt nichts vorziehen

Christusnachfolge ist meine Antwort auf einen Ruf, der mein Leben von Anfang an mit dieser einen und einzigartigen Grundmelodie durchdringt: „Komm!“

Gott  hat mich liebend erschaffen zu Seinem Bild, kostbar bin ich in Gottes Augen. In Jesus Christus, Seinem Menschensohn verwandelt sich das Antlitz eines unsichtbaren Gottes in ein menschliches Gesicht – und da sind  Augen, die mich sehen, und Worte, die mich rufen: „Komm!“

 Vor 21 Jahren bin ich in die Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg/Unterfranken eingetreten. Damals wie heute stellen wir an eine junge Anwärterin, die um Aufnahme in die Gemeinschaft bittet, die klassische Frage aus der klösterlichen Tradition: „Was begehrst du?“ Die Antwort der Postulantin lautet: „Die Barmherzigkeit Gottes und die Gemeinschaft der Schwestern.“ Das ist mir geblieben auf dem Weg unserer Gottsuche: Ich ersehne, ja begehre Gottes Barmherzigkeit in Seinem menschgewordenen Ebenbild Jesus Christus. Darin bleibe ich unterwegs mit meinen Mitschwestern. Wir haben einander und Gott das Bleiben versprochen. Wir bleiben Suchende und haben das gleiche Ziel: Wir pilgern Gott suchend gemeinsam im Schweigen, im gesungenen Gebet und im Sakrament. Da wohnt Gott darinnen, dafür will ich mein Herz weit werden lassen. Ich entdecke Gottes Gegenwart in meinen Schwestern und in der Begegnung mit unseren Gästen, den erwarteten und den ungebetenen. Wir binden uns in der feierlichen Profess auf Lebenszeit an unsere Gemeinschaft in ihrer benediktinisch geprägten Lebensform. Das erlebe ich als eine weite, herrliche Freiheit. Ich werde eingeladen vom Meister selbst, der seine Jüngerinnen und Jünger ruft, sie lehrt und  begleitet. „Rabbuni“ darf ich ihn nennen und erfahren, wie das Leben im Heute, mitten im Reich Gottes gelingt.

 „Der Liebe zu Christus nichts vorziehen“, gibt der Ordensgründer Benedikt seinen Mönchen als geistliches Werkzeug an die Hand (Regula Benedicti 4, 21) Das ist nicht mein Wollen, sondern meine Antwort auf die Erfahrung Seiner lebendigen Gegenwart. Was ich mir als Jugendliche nicht vorstellen konnte, erlebe ich heute: in der Bindung erfahre ich Zugehörigkeit und in der Gottsuche weite Freiheit. Ich bin geborgen in einer unzerstörbaren Beziehung der Liebe und darf hinauswachsen über meine Grenzen.

Von Mutterleib an trage ich ja in mir das unverlierbare Wissen um Zugehörigkeit, in der ich geborgen bin. Ein Leben lang sehne ich mich danach zurück. Wir bauen Tempel und Kirchen für unseren Gott, malen Bilder vom Paradies und erzählen uns gleichzeitig, dass es völlig utopisch sei, daran zu glauben. Das Kind in uns weiß um diese Wirklichkeit – lange vor der Zeit der Worte. Das gehört zu unserem Menschsein: Zugehörig-Sein. Wir suchen und finden es wieder in Partnerschaft, Familie oder unseren Gemeinschaften, erfahren es im Erinnern an Orte und nennen es Heimat. Wir schaffen uns mit Worten und Liedern ein geistiges Zuhause und erfahren in Zeiten der Einsamkeit, wie wunderbar getröstet wir darinnen sind. Mein Suchen nach dem Sinn des Lebens erfahre ich Schritt für Schritt, Tag um Tag.

 Gleichzeitig geht Jesus Christus mir voraus, lockt und fordert mich heraus aus Enge und Angst, aus vermeintlichen Sicherheiten und alten Verstrickungen. Gott, der Ewige, führt Sein Volk in die Freiheit. Jesus Christus geht mir voran in das Haus des Vaters, den Ort meiner tiefsten Zugehörigkeit. Dort bin ich zu Hause, das ist meine Heimat, aus der ich geboren wurde, und ich wusste es nicht.

Ganz nah aber ist Gottes Wort, ganz nah sein Erbarmen. Das höre ich im biblischen Wort, Petrus weiß es und bekennt es laut: „ Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh 6,68)

Es ist gut darum zu wissen. Das ist genug für jeden einzelnen Tag im Heute Gottes, in der Spur des Einen, der uns vorausgeht und entgegenkommt, der in uns lebt und liebt: Jesus, der Christus, mein Herr und mein Gott.

Priorin Immanuela Friederike Popp, Communität Casteller Ring