Orchester des Lebens

        

Du wirst mich - Herr

mit deiner Schönheit treffen

Dein Wort in mir wird flötenleicht

Musik und Lust

 

Du wirst

auf meinem Atem singen

zu einem Traum in Gold

der in vertonte Himmel führt

 

Du wirst

mit leichter Hand die Harfe rühren

Sie lockt mich wie den Morgenstern

zum Lichttanz aus der Nacht

 

Du wirst

allegro auf Fanfaren blasen

Sie wecken mich zum Jubelruf

und öffnen die besonnten Gärten

 

Du wirst die Arche Hoffnung mir erbauen

Geburt und Todesängste werden singend sich umarmen

Gedanken wie aus Glas entfalten neue Sicht

 

Orchesterklang

wird dunkle Rätsel lösen

 

und pötzlich ist

der Himmel greifbar nah

 

P. Drutmar Cremer, Abtei Maria Laach

Einmal am Tag

 

„Einmal am Tag, da solltest du ein Wort in deine Hände nehmen, ein Wort der Schrift.

Sei vorsichtig, es ist so schnell erdrückt und umgeformt, damit es passt.

Versuch nicht hastig es zu „melken“ zu erpressen, damit es Frömmigkeit absondert.

Sei einfach still. Das Schweigen, Hören, Staunen ist bereits Gebet und Anfang aller Wissenschaft und Liebe.

Betaste das Wort von allen Seiten, dann halt es in die Sonne und leg es an das Ohr wie eine Muschel.

Steck es für einen Tag wie einen Schlüssel in die Tasche, wie einen Schlüssel zu dir selbst.

Fang heute damit an! Vielleicht damit: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“.

 Paul Roth

 

Der Schöpfer der Welt

Können wir wirklich davon ausgehen, dass unsere Welt getragen und erhalten wird? Erfahren können wir es jedenfalls eher selten. Denn 1) werden wir mit Krisenmeldungen nur so überschüttet, 2) ist die Welt trotz der Medien so unüberschaubar geworden, dass wir einfach mit unserem Vorstellungsvermögen überfordert sind. Welt, das sind die Menschen in Syrien, im Irak, in Afrika, aber auch der Kosmos mit der Grenzenlosigkeit von Zeit und Raum. Welt, das ist schließlich auch die konkrete eigene Umwelt.
Und diese Welt soll gehalten sein? Nicht den Launen oder begrenzten Entscheidungen von Menschen unterworfen, die alles zerstören können? Durch Krieg, Umweltsünden oder wie auch immer?
Man kann darüber nachdenken, in welcher Weise wir an einen allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde glauben können, wenn die handgreifliche menschliche Erfahrung den Eindruck erweckt, dass diesem Schöpfer, wenn es ihn denn überhaupt gibt, die Welt zu entgleiten scheint. Bleibt uns heute nur die Rede von einem Gott, der alles ins Dasein gestoßen hat, und nun unberührbar in seiner göttlichen Welt lebt?
Wenn die Welt so ist, wie sie ist, wenn ich so bin wie ich bin, kann mich Gott denn da  überhaupt jemals lieben? Hat die Welt überhaupt eine Bedeutung für ihn? Die Antwort auf diese Frage können wir nur bei Gott selbst suchen. Sein Wirken in der Welt, sein Wort, und schließlich der Sohn, der Mensch geworden ist, bezeugen diese Liebe. “Und Gott sah, dass alles was er gemacht hatte, sehr gut war”, so endet der erste Schöpfungsbericht in Gen 1,31. Diese Zustimmung zur Schöpfung ist Gottes Liebe. Wie Augustinus immer wieder fasziniert feststellt, ist dieses “Ja, es ist gut!”Ausdruck dafür, dass Gott das Dasein seiner Geschöpfe “will”. Auch für jeden Einzelnen von uns gilt das.
 "O Mensch, wie sollte Gott deine Existenz nicht genau kennen, der doch dafür sorgte, dass du die Existenz erhieltest? Warum glaubst du nicht, dass auch du zur Ordnung der Schöpfung gehörst? Glaube nicht dem Verführer. Sogar "deine Haare sind gezählt" vom Schöpfer (Mt 10,30)" Das sagt schließlich der Herr im Evangelium zu seinen Jüngern. Sie sollen den Tod nicht fürchten und nicht meinen, durch den Tod irgendetwas von ihrem Eigentum zu verlieren. Sie fürchten im Tod für ihre Seele, er aber gab ihnen sogar die Sicherheit für ihre Haare Augustinus,, En. in Ps 109,2. CCL 40 (Turnhout 1956)1602..

So weist Augustinus Menschen zurecht, die Angst vor dem Tod haben. Christus selbst bezeugt im Evangelium die Treue Gottes zu jedem Geschöpf, die sich darin äußert, dass Gott nicht zulässt, dass auch nur ein Haar gekrümmt wird. Natürlich ist eine solche Aussage eine Zumutung für unsere Erfahrung, denn wir erleben ja sehr wohl, dass uns selbst oder anderen Menschen auf mehr oder weniger schlimme Weise das Leben beeinträchtigt oder geschädigt wird. Aber Augustinus argumentiert hier: Wen Gott kennt, der kann nicht wirklich verloren gehen. “Kennen” verwendet Augustinus hier in biblischem Bedeutungsumfang. Darnach ist “Kennen” auch eine Form innigster Verbundenheit, Liebe. (vgl. z.B. Gen 4,1: Adam erkannte seine Frau Eva) Augustinus will sagen, dass es keineswegs so ist, dass Gott einmal Geschöpfe ins Dasein geworfen hat und sie dann ihrem Schicksal überlässt. Solche Gedanken schreibt er dem Verführer zu, der wie die Schlange im Paradies im Menschen Misstrauen gegenüber der Treue Gottes wecken will, um so den Menschen in seine Gewalt zu bekommen. Dagegen argumentiert Augustinus mit der Liebe des Schöpfers, der sich mit Sorgfalt um seine Geschöpfe kümmert. Das Vertrauen auf diese getreuliche Sorge Gottes ist der Grund für die Zuversicht des hl. Augustinus, dass uns nichts geschehen kann. Dieses Vertrauen bietet die Chance, dass wir unsere Augen für eine neue Wertordnung öffnen - um auch angesichts offensichtlichen Leids zu verstehen, dass “nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist” (Röm 8,39).

Auch menschliche Grausamkeit nicht. Auch Folter, Demütigung und Vergewaltigung nicht, wenngleich uns manchmal Zweifel kommen, ob Gott wohl wirklich stärker als der Tod ist, und ob seine Treue wohl bis in den Tod reicht.
Was Gott “will”, das ist da. Dieses “Wollen dass etwas da ist” ist Liebe. Das gilt auch jetzt., für die Schöpfung als Ganze und für jedes einzelne Geschöpf, für jeden einzelnen Menschen. Die Existenz der Welt, dass überhaupt etwas da ist und nicht nichts, ist deshalb ein erster Beweis dafür, dass Gott die Welt noch immer will, und das heißt, dass er sie liebt.

Gott hat seine Schöpfung in die Zeit entlassen. Er hat auch die Zeit geschaffen. Nur deshalb kann es überhaupt Entwicklung geben, nur deshalb kann es Wachstum und Vergehen geben, nur deshalb kann es auch Treue geben. Denn all das braucht die Ausdehnung in der Zeit. Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass Gott die Welt auf Wachstum und Entwicklung hin angelegt hat. Genau das ist ein Element ihrer Freiheit. Denn nur da, wo nicht alles in einem Augenblick entschieden ist, kann sich diese Freiheit entfalten. Ebenso auch die Liebe. Der Augenblick der Entscheidung: Ich will dich, ist ein Akt der Liebe, aber keine Treue. Treue ist Liebe, die sich auch dann nicht beirren lässt, wenn andere Zeitumstände eintreten. wenn die Zeit lang wird, wenn sich der Geliebte ändert.
Augustinus erklärt, wie wunderbar die Schöpfung durch das Wort genau dieser Möglichkeit der Entwicklung Rechnung trägt: In seiner Erklärung des ersten Schöpfungsberichtes zeigt er, wie der Ruf durch das Wort, der am Anfang steht: Gott sprach... und es wurde” einen Entwicklungsprozess in Gang setzt, der darin besteht, dass die Schöpfung als Ganze sich vom Wort durchformen lassen soll. Erst dann, wenn dieser Formungsprozess abgeschlossen ist und die Schöpfung wirklich die Schönheit des Schöpfers widerspiegelt und sich in seinem Wort aussprechen kann, ist sie vollendet. Damit wird gezeigt, dass die Vollendung derKreatur durch das Wort erfolgt. Sie wird zum Schöpfer zurückgerufen um, ihm anhangend, geformt zu werden und ihn nachzuahmen wie es ihrer Art entspricht.  Augustinus, Gen ad lit.1,4. CSEL 28,1 (1894) 8.
 Eine besondere Rolle spielt in diesem Vollendungsprozess der Mensch, das Ebenbild Gottes. Er ist in besonderem Maße dazu bestimmt, Hörer des Wortes zu sein, denn als geistiges Wesen kommt es ihm zu, den Ruf des Wortes zu hören, es in seinen Geist eindringen zu lassen und zu antworten. Die Antwort des Menschen besteht darin, sich vom Wort Gottes ganz formen zu lassen und sich dann in diesem Wort dem Schöpfer zurückzugeben. Gottes Wort ist so sehr Wirklichkeit, es ist sosehr die Wahrheit seines Inhaltes, dass es zum Menschen gesprochen, selbst Mensch wird. Diese Bewegung des Wortes auf den Menschen zu, seine Fleischwerdung, ist nicht durch den menschlichen Sündenfall bedingt, sondern sie liegt in der Natur des Schöpfungsgesprächs zwischen Gott und Mensch. Wenn das Wort Gottes sich im Menschen verwirklicht und der Mensch sich in diesem verwirklicht zu seiner höchsten Vollendung, dann ist auch das Treueverhältnis zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf zu einer unauflöslichen Verbundenheit gekommen. Augustinus sieht deshalb in der Menschwerdung des Sohnes Gottes die Vollendung der Schöpfung, die Gott am Anfang bewusst unvollendet gelassen hat, damit der Mensch zum Mitarbeiter Gottes an der Schöpfung werden solle.

Sr. Placida Bielefeld, Abtei Mariendonk

Suche nach Gott    

 

Er kniet sich hin,

er empfängt das Gewand

und verbirgt sich darin.

Er empfängt schon die Höhle.

Sie ist wie der Strand

um das Meer -

Seine Seele singt.

 

Er empfängt den Segen

der härenen Falten.

Das Sterben des alten

Menschen legt er nun an.

 

Und er findet im Tuche

aus Ziegenhaaren die Suche

nach Gott.

 

Er empfängt die Nächte,

die ihm öffnen das Ohr.

Was er hört, ist das Licht.

 

Darum zieht er das Nichts

wie ein Tor ins Schloss

vorm Gesicht.

 

Er kniet in die Furcht des Herrn,

schaut mit Beben ins glühende

Dunkel der Wolke.

 

Sie anschaun ist Leben.

Sie weiht ihn zum Vater

und macht ihn zum Volke

wie Abraham einst.

 

Silja Walter(+) Kloster Fahr

 


    Umgang mit der Zeit

Mit der Zeit ist es eine geheimnisvolle Sache: Niemand weiß genau, was Zeit ist, alle haben zu wenig, aber keiner weiß ganz genau, wie viel er hat.
Zeit ist unser Leben, sie ist die Möglichkeit, Dinge zu tun oder zu unterlassen. Zeit ist begrenzt und zwar so, dass niemand von uns weiß, ob ihm noch drei Tage, drei Jahre oder drei Jahrzehnte bleiben. Da das Ende nicht bekannt ist, heißt es in der christlichen Tradition immer wieder, man solle so leben, als ob jeder Tag der letzte wäre. So sagt zum Beispiel unser Ordensgründer, der heilige Benedikt, man solle den Tod täglich vor Augen haben (Benediktusregel 4,47). Damit ist nicht gemeint, man solle ständig in der Angst leben zu sterben, wohl aber, man solle immer und bei allem wissen, dass das Leben begrenzt ist.

Es gibt in unserem Leben einerseits den ruhigen Fluss des täglichen Einerlei oder auch Vielerlei, es gibt  andererseits die „Stunde der Entscheidung“, die man ergreifen oder verfehlen kann. Das heißt: Es kann in unserem Leben Dinge geben, für die es endgültig zu spät ist oder auch noch zu früh. Nicht alles ist zu jeder Zeit möglich. In der Bibel kommt das Verfehlen der rechten Zeit häufig vor: Esau wird als  Mensch beschrieben, der von Gott etwas geschenkt erhält, der die Gabe zurückweist und sie später, als  er sie will, nicht mehr bekommen kann (vgl. Gen 25,29-34; 27,1-40). Saul dagegen opfert zu früh und ohne göttliche Erlaubnis, auch er verfehlt die rechte Zeit (vgl. 1 Sam 13,1-14). Es wird in der Bibel deutlich, dass Gott allein die rechte Zeit weiß und dass wir Menschen uns oft in ihr irren: Abraham und Zacharias meinten, für ein Kind wäre es aufgrund ihres Alters zu spät; sie werden von Gott eines Besseren belehrt. Jeremia, der der Überzeugung ist, er sei zu jung, um als Prophet aufzutreten, wird trotzdem berufen. Auch im Leben Jesu spielt „seine Stunde“ eine große Rolle. So heißt es im Galaterbrief: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt“ (Gal 4,4). Und im Johannesevangelium sagt Jesus seiner Mutter, als kein Wein mehr da war: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4).

In unserem Zeiterleben sind die drei Dimensionen Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart wichtig. Zukunft ist das geistig vorweggenommene Ziel unseres Handelns, das uns Hoffnung gibt und uns motiviert. Vergangenheit ist das, was war und damit für immer unser Eigentum ist. Unsere Vergangenheit ist einerseits ein immer neuer Grund zu danken, denn was wir in ihr empfangen haben, ermöglicht uns heute zu leben. Das Vergangene kann uns niemand rauben, es ist jedem Zugriff entzogen, dem Zugriff und der Zerstörung durch andere, aber auch dem eigenen Zugriff: es ist nichts mehr zu ändern. Manchmal kann das auch bedrohlich sein, denn auch das Schlechte, die vertane Zeit, die verpatzten Chancen lassen sich nicht zurückholen. Die Gegenwart ist der reale Raum unseres Handelns, denn handeln können wir nur im Heute. Daher mahnt die Bibel immer wieder: “Heute, wenn ihr seine Stimme hört...” (vgl. Ps 95,7). Und im Vaterunser werden wir angewiesen, unser Brot für “heute” zu erbitten. Auch warnt der Jakobusbrief vor zu weitreichenden Plänen: “Ihr aber, die ihr sagt: Heute oder morgen werden wir in diese oder jene Stadt reisen, dort werden wir ein Jahr bleiben, Handel treiben und Gewinne machen -, ihr wißt doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird. Rauch seid ihr, den man eine Weile sieht; dann verschwindet er. Ihr solltet lieber sagen: Wenn der Herr will, werden wir noch leben und dies oder jenes tun.” (Jak 4,13-15).

Das Neue Testament fordert uns auf, die Zeit zu nutzen (Kol 4,5), wach zu bleiben, überhaupt davon auszugehen, dass die Zeit kürzer ist als man denkt: „Eins steht auf jeden Fall fest, Brüder und Schwestern: Die Tage dieser Welt sind gezählt. Darum soll von nun an für die Verheirateten ihr Partner nicht das Wichtigste im Leben sein. Wer weint, soll sich nicht von seiner Trauer gefangen nehmen lassen und wer sich freut, lasse sich dadurch nicht vom Wesentlichen abbringen. Wenn ihr etwas kauft, betrachtet es als etwas, was ihr nicht behalten könnt. Verliert euch nicht an diese Welt, auch wenn ihr in ihr lebt, denn diese Welt mit allem was wir haben, wird bald vergehen“ (1 Kor 7,29).

Die Zeit unseres Lebens ist nach christlicher Überzeugung dazu da, um eine Entscheidung zu treffen. Es geht um Grundentscheidungen wie Partnerwahl, Berufswahl, die die Zeit in vorher und nachher einteilen, es geht aber auch um die alles umfassende Entscheidung: Gott ja oder nein, oder anders ausgedrückt: Will ich lieben oder mich in mich selbst verschließen? „Wir sind auf Erden, um in der uns gewährten Zeit "communial" - "gemeinschaftsfähig" zu werden und an der Communio-Werdung der Schöpfung mitzuarbeiten. So - als communiale Menschen Gott ähnlich - können wir dann auch in alle Ewigkeit am Leben des communialen Gottes teilhaben“ Zeit ist das Kostbarste, was wir haben, Leben. Man kann die Zeit verschenken oder zum Götzen machen. Der Glaube an Gott und an ein ewiges Leben ermöglicht ersteres. Denn gibt es angesichts der Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott Versäumnisse außer dem Versäumnis, nicht zu lieben?

Äbtissin Christiana Reemts, Abtei Mariendonk